Die Zeit der Skitouren

Keine Schneeflocke fällt je an die falsche Stelle.
Zen Spruch

Mit 26 Jahren begann ich skifahren zu lernen. Nach ein paar Skikursen kam ich einigermaßen die Berge hinunter. Wir waren jedoch in den ersten Jahren mehr zum Feiern als zum Skifahren unterwegs. Erst nachdem ich mit dem DAV auf der Ulmer Hütte am Arlberg einige Tiefschneekurse absolviert hatte, lernte ich das in ganz langsamen Schritten. Ein Flachländer muss mindestens 3000 mal gestürzt sein, bis er skifahren kann.

Meine allererste Skitour führte mich auf das Sonntagshorn bei Lofer 1982. Damals mit den Freunden aus Wien, die ich 1981 auf der Reise nach Peru und Bolivien kennengelernt hatte. Trotz den ersten Blasen blieb ich den Skitouren treu bis heute. Die Tourenziele werden im Laufe der Jahre niedriger und kürzer. Aber was bedeutet das, wenn man auf der Haute Route war, im Kaukasus und auf dem Mont Blanc stehen konnte?

Und wie heftig musste ich feststellen wie nahe alles beieinanderliegt: Das unendliche Glück im Pulverschnee und das Verhängnis einer Lawine. Als Ralf dabei starb war dies einer der schlimmsten Einschnitte in meinem Leben. Und es dauerte viele Jahre, bis ich wieder einigermaßen gerne in die winterlichen Berge fuhr.


engel

Eine meiner ersten Skitourenwochen verbrachte ich auf der Heidelberger Hütte in der Silvretta. Nachdem es mehrerer Nächte geschneit hatte, unternahmen wir eine Prachttour auf den Piz Davo Lais. Vier Stunden hinauf. Wir mußten tief spuren. Oben blieb der Heinz im Schnee stecken. Die Abfahrt ist unvergeßlich. Als ich am Gipfel kurz vor dem Losfahren stand, zögerte ich. So tiefen Pulverschnee war ich noch nie gefahren. Ich gab mir innerlich einen Ruck. Die ersten Schwünge gelangen einigermaßen. Dann flog ich dahin wie auf einer Wolke, der Schnee stieb über die Schultern. Jetzt gab es nicht nur keine Welt mehr für mich, noch nicht einmal ein Berg, ein Hang war da, das Gefühl eines festen Bodens unter mir. Ich schwebte hinunter in einer weißen Wolke – bis mir die Kraft ausblieb und ich seitwärts in den Schnee fiel. Aufraffen, abklopfen,keuchen, schnaufen,schauen nach der eigenen Spur. Man konnte sie betrachten. Dann von Neuem: Alles vergessen, Skifahren wie ich es mir nie zugetraut hätte! Viel zu schnell stand ich unten vor der Querfahrt. Das war wie ein Wunder. Hatte ich doch niemals geglaubt, dass ich je einen solchen Hang hinunterfahren kann. Und da war es mir geglückt!


roton

In der Woche darauf traf ich mich mit den Wiener Bekannten und wir zogen zur Jamtalhütte. Den prächtigsten Tag hatten wir auf der Hinteren Jamspitze. Am Horizont sah ich wieder meine geliebte Bernina. Ja! Und dann der Aufstieg über den Chalaus-Ferner zur Augstenspitze. Nach dem Gletscherbruch weitet sich das Hochtal. Wir waren in einer Bergwelt von vollkommener Ruhe unterwegs. Ich nannte es: Das Tal des Schweigens.
In solchen Situationen höre ich immer die Berge.


konkordia

Sehr oft waren wir mit Skiern unterwegs. Als jedoch Ralf in einer Lawine sein Leben verlor und seine Freundin und ich einen Meter neben dem Abbruch standen, veränderte sich alles. Ich sah die Berge nur noch wie auf Postkarten. Einige Jahre danach fand ich wieder ein wenig Freude an Skitouren. Dies seit ich meine Renate kannte. Die Freunde aus Ulm halfen mir. Jetzt möchte ich auch davon erzählen. Lange habe ich mich nicht getraut, darüber zu schreiben. Aber ich bin jetzt sicher, dass alle Berichte auf meiner Website ohne diese Worte unvollständig wären. Ich möchte auch nicht den Skiort erwähnen, wo das Unglück geschah, denn ich bin sicher, dass man uns eher helfen wollte, als uns irgendwelchen Reportern auszuliefern – natürlich auch um das Skigebiet nicht auszuliefern.

Nach ein paar Tagen schlechtem Wetter fuhren wir früh morgens noch im Nebel. Während der Auffahrt mit dem 4-er Sessel kam die Sonne heraus. Ein Tiefschneetag wie im Traum begann. Es war so leicht und locker und die Sonne kam noch dazu.

Ralf und Sigrid trafen wir zur Mittagspause. Sie fuhren später mit durch einmaligen Pulver. Und weil wir den Bus verpassen würden, schlug ich vor, noch eine Abfahrt zu nehmen. Günther war sowieso dabei. Ralf und Sigrid auch.

Ich weiß jetzt nicht, wie alles genau geschah. Es war wie ein Sog. Es war von Anfang an, als wir in den Hang fuhren wie ein Sog. Günther fuhr, ich fuhr, Sigrid fuhr. Für Ralf reichte es nicht mehr. Der Hang brach ab, ich stand ein Stück weg, konnte nicht in den Tobel sehen und sah nur Ralfs Kopf verschwinden. Der größte Teil der Lawine kam von der Seite. Als ich zurückstieg und in den Tobel hineinschauen konnte, war Ralf nicht mehr zu sehen.

Günther nahm Sigrid mit ins Tal, ich fuhr in den Tobel, um vielleicht Ralf in der Lawine zu finden. Unten sah ich dann eine Skispitze. Mehr oder weniger schlecht kam ich dorthin, zog an dem Ski, aber es war sonst nichts. Ich grub mit der Schaufel. Skilehrer fuhren unten im Tal und alarmierten den Hubschrauber. Der war in einer viertel Stunde da und nach einer weiteren viertel Stunde fand ein Lawinenhund Ralf. Eine viertel Stunde machten Sie Wiederbelebungsversuche. Die ganze Zeit über hatte man mir eine Wache zugeteilt, dass ich nicht verschwinden konnte. Auch zur Gendamerie erhielt ich eine Begleitung. Die Fragen die zum Protokoll gestellt wurden, folgten der Vorschrift. Auch die an Sigrid. Aber im Nachhinein glaube ich, dass die Polizisten neutral waren und uns eher helfen wollten.

Inzwischen wurde Ralf mit dem Helikopter abtransportiert und später nach Innsbruck. Am kommenden Morgen fuhr ich Sigrid in Ralfs Auto zur Klinik. Die Sigrid hatte während der ganzen Autofahrt die Hände gefaltet und gebetet. Sie war so verzweifelt und niemand konnte ihr helfen. Später sah ich Ralf auf der Intensivstation liegen.

Ich fuhr mit dem Zug zurück, packte meine Sachen, hatte noch ein Telefongespräch mit der Gendamerie bzw. dem Leiter der Kommission. Ich teilte ihnen mit, dass ich nach Hause fahren würde und fragte, ob ich noch irgend etwas aussagen sollte. Er wollte mit mir am nächsten Vormittag eine Ortsbesichtigung machen. Ich wollte lieber in Innsbruck noch einmal nach der Sigrid schauen. Das wurde akzeptiert. In der Klinik kam Sigrid kurz heraus. Die Untersuchungen waren abgeschlossen: Ralfs Gehirn war zu lange ohne Sauerstoff gewesen. Man wartete nur noch auf Ralfs Eltern und wollte dann die Maschine abschalten. Ich ging nicht mehr hinein zu Ralf. Ich musste die Sigrid allein lassen.

Ralfs Beerdigung war der traurigste Tag. Auf der Karte, die verschickt wurde, stand zu lesen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Was wiegen dagegen meine Gedanken, die ich mir um die Lawine mache. Ich hatte mich immer einigermaßen sicher vor einer Lawine gefühlt. Natürlich wusste ich, es kann immer etwas passieren. Die Berge gehören der Natur und die läßt sich nicht überlisten. Ich weiß das alles. Aber es traf gerade uns, ausgerechnet uns.