Haute Route

Skitour von Chamonix nach Saas Fee

Nach unserem Skitraining saßen wir wie üblich noch beim Bier in der Turnhallengaststätte. Ferd, Fred, Walter und ich kamen ins Gespräche auf Skitouren. Ich war da ja schon gut geübt. Die Freunde hatten noch nicht einmal Tourenski. Ja, Skitouren würden Sie auch gerne einmal machen. Ja, die Haute Route, das wäre ein Ziel.


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Aber vorher sollten wir üben, meinte ich und auf jeden Fall gehen wir nur mit Führer. Unser Übungswochenende in der Silvretta (Heidelberger Hütte, Jamtalhütte) war eine einzige Katastrophe. Sigi Hupfauer konnte ich als Führer gewinnen. Er verschrieb uns ein absolut zu befolgendes Trainingsprogramm. Wir glaubten uns zwar schon fit, aber nun wurde es ernst. Wir rannten im heimischen Spessart die Hügel hinauf und schafften so im Laufe der Zeit eine Kondition, die uns zu solch eine außergewöhnliche Skitour ausreichen sollte. Zum Tourenstart kamen noch Sigis Frau Gabi und Luis Ritter dazu. Diese Haute Route wurde schließlich der Grundstein für eine andauernde Freundschaft. Besonders ich unternahm später mit Luis viele Touren. Mit Ski, zum Klettern und die Fünftausender und den Sechstausender in Peru und Bolivien. Diese Haute Route gehörte zu einem so seltenen ungeheuerlichen Zufall, der vieles in meinem künftigen Leben prägte.


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Droite, Nordwand
Im Mai 1984 unternahmen wir die grandiose Skidurchquerung von Chamonix nach Saas Fee. Zur Argentière Hütte stiegen wir im Nebel. Erst als am Sonntag das Morgenlicht dämmerte, stand ich staunend vor den gespenstisch blau schimmernden Eiswänden der Droites. Die Hütte liegt in einem urgewaltigen eisbepanzerten Kessel. Wir waren beinahe die Ersten, die zum Col du Chardonnet hinaufzogen, ich der Letzte von den Ersten. Hinter uns kroch wie Ameisen eine Riesengruppe Italiener herauf. Hinterher war ich froh, daß wir ungestört das steile, enge Stück jenseits des Cols hinunterrutschen konnten. Dann lag etwas Neuschnee zum Fahren.


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Fenetre de Saleina

Fenêtre de Saleina, Ski auf den Rücken. Der Ferd rutschte wieder hinunter und mußte erneut aufsteigen. Der Sigi nahm mir auf den letzten Metern die Ski ab. Während der flachen Abfahrt über das Plateau du Trient staubte es nur so. Das Fenêtre du Chamois konnten wir links umgehen und einen Steilhang hinabfahren mit absolut sicheren Schwüngen und Umsprüngen. Unten lauerten die Randspalten. Über das Col des Ecandies ging es im aufgeweichten Schnee hinab ins Arpette-Tal. Im Wirthaus in Arpette hielten wir Bierpause. Mit dem Bus gelangten wir am gleichen Tag noch bis Bourg St. Pierre zur hervorragenden Auberge du Valsorey. Hier konnten wir noch einmal leben mit Steak, Gemüse, Pommes und Rotwein.


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Plateau du Trient und Val d’Arpette

Wir hatten die erste 1:50 000-er Landeskarte der Schweiz durchfahren. Das blieb auch in Zukunft unser Los: Täglich halbe 1:50 000-er Landeskarten zu durchfahren.Kaum dämmerte der Morgen, waren wir schon mit geschulterten Ski unterwegs. Wo blieb der Schnee? Wir stiegen endlos einen Südhang hinauf. Zweieinhalb Stunden mußten wir die Ski tragen, aber auch danach noch wurden die Ski stellenweise wegen Schneemangel abgeschnallt. An diesem Vormittag kam nur geringe Freude bei mir auf. Nur ein wenig als die Sonne durch den Nebel blinzelte. Später im oberen Hang vor der Valsorey-Hütte glühte die Sonne.


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Zum Plateau du Couloir

Es gibt nichts Schlimmeres, als in so einer Gluthitze ohne den geringsten Lufthauch zu steigen. Die kleine Hütte befindet sich auf einer prächtigen Aussichtsplattform. Nachmittags hörten wir ringsum die Lawinen rauschen. Auch vom Hang des Plateau du Couloir gingen Schneerutschen herunter. Wir wollten zuerst noch dort hinauf und in der Biwakschachtel übernachten. Aber dieser gefährliche, von der Sonne aufgeweichte Hang hielt uns auf der Hütte fest. Eine junge Frau bewirtete die 20 Gäste allein. Gaby, Ferd und ich halfen beim Spülen und Abtrocknen. Eine angenehme Hütte, auch wenn die Decken im Lager staubten und Fred einen Mehlwurm in der Suppe fand.


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Zum Plateau du Couloir

Zwei kürzere Tagesetappen wollten wir zusammenlegen und bis zur Vignettes-Hütte kommen. Elfeinhalb Stunden waren wir an diesem Tag unterwegs. Bis zum Plateau du Couloir plagten wir uns mit Ski am Rucksack und Steigeisen hinauf. Der Luis nahm mir oben kurz vor der gar nicht mehr so bösartigen Wächte den Rucksack ab, der Sigi hatte ein Stück Seil gespannt. Die Extra-Aussicht vom Plateau blieb uns nur kurze Zeit.


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Das obere Stück der Abfahrt war nur so lange prächtig bis wir im Nebel steckten. Wir mußten bald den Hang queren, um den rechten Weg zur Chanrion-Hütte zu finden. Von da an lief es bei mir wie geschmiert. Der Hang zum Talboden unterhalb diesen Chanrion-Hütte war der einzige Lawinengefährliche, den wir während den acht Tagen befuhren. Wir rasteten am Talboden in respektvoller Entfernung von diesem feuchten Hang. Wir waren wieder allen anderen Gruppen davon gefahren. Die waren nicht so wahnsinnig wie wir und ließen sich Zeit. Alle gingen nur bis zur Chanrion-Hütte.


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Glacier Otemma und Cabane Vignette

Der Glacier d’Otemma. Keiner, der ihn einmal begangen hat, wird diesen Namen je vergessen. 12 km lang, 900 m Höhenunterschied. Die Sonne schien mit voller Kraft. Wir gingen wie im Brennpunkt eines Hohlspiegels. Fünf Stunden lang sah ich nur die Enden von Sigis Ski mit der Aufschrift ”Alpin Extrem“. Nahe der Hütte waren vom Gletscherbruch des Pigne d’Arolla Schneerutschen abgegangen und ordentliche Eisblöcke herabgepoltert. Um 17.30 Uhr standen wir an der auf einem Felssporn gelegenen Vignettes-Hütte. Die Hütte war belegt, aber jedem blieb noch sein eigenes Kopfkissen.


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Walter und Fred hatten die Füße voller Blasen. Es mußte eine Qual für sie sein. Der Ferd hatte sich beim Sturz am Fenetre de Saleina den Arm zerschunden und den kleinen Finger etwas verbogen. Aber mit Salbe wurde der allmählich wieder gerade. Walter hatte in Zermatt am kleinen Fußzehen eine Blutblase, die genauso groß war wie die Zehe. Ich kam ohne Wunden davon außer einer kleinen Blase, die ich nicht spürte.


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Col d’Eveque

Der prachtvollste Tag der ganzen Tour. In einer Stunde erreichten wir von der Vignettes-Hütte den Col de l’Eveque. Was für Ausblicke im Morgenlicht! Die unter uns hängenden Wolken. Ich stieg wieder einmal mitten durch den Himmel. Näher kann man dem Himmel nicht sein, solange man noch lebt.


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Col de Mont Brule und zum Col de Valpelline

Nach einer kurzen Abfahrt wurden die Ski zum Col de Mont Brulé getragen. Das war nun schon zur Gewohnheit geworden. Jetzt war schon der Col de Valpelline zu sehen, der letzte Col an diesem Tag. Dahinter warteten all die mir bekannten Walliser Berge. Weißhorn, Zinalrothorn, Obergabelhorn, Dent Blanche, Nadelhorn, Dom, Täschhorn, Alphubel, Allalinhorn, Rimpfischhorn, Strahlhorn, Monte Rosa, Matterhorn, Dent d’Hérens. Klingende Namen. Eine der schönsten Ecken der Alpen.


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So gibt es immer wieder Minuten im Leben, die ich nie vergessen werde. Dafür hatte sich die ganze Tour gelohnt. So tief ins Herz ging mir das. Das treibt mich auch in die Berge: Diese Minuten des absoluten Glücks. Die Berge geben mir etwas, was ich nirgends sonst finde. Ich spüre, daß sich alles gelohnt hat, die Schinderei die Cols hinauf, über die sich immer erneut aneinander reihenden Hügel des Otemma-Gletschers. Am Col de Valpelline trug ich keinen Gedanken mehr daran.

Wir fuhren den Stockji-Gletscher hinab und an der Schönbielhütte vorüber. Auch sie lag schon auf aperem Hang. Der Schnee reichte bis kurz vor den Stausee. Danach stolperten wir über die Felsen bis zur Staffelalp. Wir waren mutlos. Wie würden unsere Füße aussehen, wenn wir die Ski bis Zermatt tragen mußten? Zum Glück jedoch konnten wir hinter der Staffelalp die Ski wieder anschnallen und ein weites Stück durch den Wald bis Furi fahren. Die Seilbahn trug uns fußschonend hinab nach Zermatt. Im Hotel Weisshorn nahe der Kirche kamen wir unter. Wir spazierten nach der Dusche durch Zermatt, kauften ein, auch Pflaster, gingen gut essen, tranken Bier. Ein letztes Bier genehmigten wir uns noch in der Hotelkneipe.


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Zum Breithorn und am Gipfel

Am nächsten Tag blieb uns viel Zeit. Die erste Seilbahn zum Klein-Matterhorn fuhr um 8 Uhr. Gute zwei Stunden benötigten wir bis zum Gipfel des Breithorns. Oben am Grat blies uns ein heftiger Wind den Schnee ins Gesicht. Wie weit der Mont Blanc schon entfernt war! Wir wollten ihn ja am Ende der Tour noch besteigen. Nach dem Schwarztor wartete die aufregende Skiabfahrt durch den wilden Bruch des Schwärzegletschers. Teilweise Pulver, manchmal über meterbreite Schneebrücken und Traversen entlangrutschend. Man durfte keine Fehler machen. Ein zweiter Höhepunkt der Tour.


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Abfahrt durch den Schwärze-Gletscher

Die eine Stunde Aufstieg zur Monte-Rosa-Hütte führte flach über den Gletscher. Diese Hütte blieb mir in keiner so guten Erinnerung. Das Essen war schlecht mit wenig Fleisch, das Frühstück dürftig. Es gab kein Brot nach und keinen zusätzlichen Kaffee, so daß wir die 2 Liter für 7 Personen mit heißem Wasser aus dem Voratsbehälter verdünnen mußten (Anm.: das war im Jahr 1984, ab 2000 hat es eine Hüttenwartin, das möchte ich gerne erwähnen nach einem mail von Frau Manuela Brantschen).

Oberhalb der Hütte querten wir nach Norden, bis eine Stange oben in den Felsen zu sehen war. Dort hinauf führte ein kurzer, drahtseilgesicherter Steig. Über dem Gornergletscher stieg die Sonne auf und die weißen Hügel schimmerten wie erstarrte Meereswogen. Vom Stockhornpaß fuhren wir weite, leichte Hänge hinunter und rüsteten dann zum Auftieg auf den Adlerpaß. Das untere Stück am Bruch vorbei stiegen wir mit Harscheisen. Ausrutschen war nicht erlaubt. Der Adlergletscher gewährte uns dann Schonzeit bis zum Paß. Ski auf den Rücken und die von Sigi getretenen Stufen hinauf. Die Wolken zogen um uns herum und kamen stetig höher.


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Der letzte Aufstieg, zum Adlerpass

In einer weiteren Stunde standen wir auf dem Strahlhorn. Der gute Ferd war etwas mutlos, aber Gaby munterte ihn wieder auf. Wir konnten bis zu den Gipfelfelsen mit Ski hinaufsteigen. Die paar Schritte über den Grat waren recht luftig. Das Strahlhorn ragte aus dem Wolkenmeer, sonst nur noch die Monte-Rosa-Gipfel. Das Wetter verhieß nichts Gutes. Aber wir hatten die Haute Route ja beinahe beendet. Während der Abfahrt gerieten wir bald wieder in den Nebel. Ich zerbrach mir den Skistock. Die Britannia-Hütte sahen wir erst, als wir wenige Minuten darunter im Hang standen.

Die Pläne den Mont Blanc zu besteigen verfinsterten sich. Wir wollten am frühen Morgen noch auf das Allalinhorn, aber wegen dem schlechten Wetter weckte uns niemand. Seit dem späten Nachmittag hatte es die ganze Nacht über gestürmt und geschneit. Vom Egginer Joch fuhren wir im knietiefen Pulver über die Piste. Ich lernte mit einem Stock Tiefschneefahren. Wir kamen mit den Ski bis fast nach Saas Fee hinunter. Ende der Tour. Wir fuhren nach Hause. Sigi, Gaby und Luis versuchten noch einmal den Mont Blanc, aber sie konnten wegen Lawinengefahr noch nicht einmal bis Grand Mulet aufsteigen.