Kapverdische Inseln

Ein Land mit herzlichen Menschen

Was mich auf Kapverde so verzauberte, war die Herzlichkeit und Offenheit der Menschen. Bald wurde ein Wärme den Menschen gegenüber daraus, wie ich es noch kaum in einem anderen Land empfunden habe.

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Mädchen in Mondrigo

1995 flog ich von Amsterdam über Madrid auf die Insel Sal. Nach einer nicht geplanten Übernachtung dort (dem Flugzeug gelang es nicht, sich von der Startbahn in die Luft zu erheben) brachte uns am nächsten Tag pünktlich um 9 Uhr der Bus in wenigen Minuten zum Airport. Der Flug nach St. Vicente funtioniert diesmal. Auch unser Taxifahrer Alberto steht bereit und fährt uns nach Mindelo. Man versucht uns noch mit dem Schiff nach Sto. Antao überzusetzen. Wir besteigen auch gleich den Seelenverkäufer und warten stundenlang.

Das Schiff, auf dem wir nun warten, ist naürlich am Morgen bereits ohne uns weggefahren. Das war die einzige Überfahrt. Am Dienstag ist Ruhetag, erst am Mittwoch kann wieder gefahren werden. Nun geht es darum, wer die Passage zahlt. Und es dauert, bis bei der Fluggesellschaft entschieden werden kann und man sich mit dem Schiffseigentümer über den Preis geeinigt hat. Die Fluggesellschaft zahlt, das Schiff läuft gegen 16 Uhr aus. Nach einer Stunde sind wir in Porto Novo und treffen Hans. Er bringt uns in das einzige Restaurant der Stadt mit angeschlossenem Hotel. Wir fahren nach dem Umpacken im Dunkeln nach Alto Mira.

Auch dort kommen wir nicht gerade recht, da noch einige Hochzeitsgäste im Haus übernachten. Die Tochter des Hauses hat einen jungen Deutschen geheiratet, der später einmal hier leben möchte. Doch zuerst muß er noch zwei, drei Jahre nach Deutschland, um etwas Geld zu verdienen.

Es gibt ein gutes Abendessen und noch etwas von dem Hochzeitskuchen. Dazu Rotwein. Wir übernachten nebenan im Schulgebäude. Wir müssen um 3 Uhr aufstehen und gehen nach dem Frühstück um 4:15 Uhr los. Wir haben 3 x 1,5 l Wasser dabei. Ich werde davon 3,5 l benötigen. Unterwegs gibt es kein Wasser. Außerdem könnte man es wegen Choleragefahr auch nicht trinken.


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Am Salto Preto oberhalb Alto Mira

Wir schleichen bei gutem Mondlicht durch den Ort, hinab und hinauf, eine Wasserleitung entlang, an dunklen Häusern entlang bis schließlich der steile 700 m Aufstieg beginnt. Der Pfad ist nicht einfach zu gehen. Geröll, Sand, Steine und sehr steil. Man hat Serpentinen hinauf bis zum ersten Joch angelegt, dem Salto Preto. Danach geht es sanfter bergauf. Um 9 Uhr haben wir einen Sendemast mit Haus erreicht. Nun geht es über die karge Hochebene Plano alto. Vorbei am Maroco führt der Weg am Rande des Kraters Espanada auf den öchsten Punkt bei 1500 m. Danach geht es steil hinab auf 700 m zum Tal Caibros, wo wir in eine märchenhafte Oase kommen. Das Zuckerrohr blüht. Es gibt viel Wasser, die Luft ist tropisch. Ein Rinnsal fließt. Die untergehende Sonne verbreitet zartes Licht. Insgesamt benötigen wir für diesen mühsamen, heißen aber doch bezaubernden Weg mit Pausen etwa 12 Stunden.


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Die Unterkunft wurde neu errichtet, da zunehmend mehr Wandergruppen kommen. Das Essen wird im alten Haus serviert auf der Dachterrasse.


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Die Tour ist kurz, von 7:15 Uhr bis 12 Uhr. Nun ist das Bachbett ausgetrocknet. Wir gehen talauswärts zur Boca das Ambas Ribeiras. Es ist grün und blüht. Akazien säumen den Weg, aber es geht heiß und stetig bergauf. Die Sonne brennt gnadenlos. Wir gehen an ein paar Gehöften vorbei, die teilweise verfallen sind. Nach dem Joch steil hinab, Arbeiter reparieren den Weg. Sie sind Tagelöhner und arbeiten für 1 Euro pro Tag. Das ist eine Maßnahme des Staates für Arbeitslose. Es zahlt die Entwicklungshilfe.


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Vom Übergang in das Tal von Garca sehen wir den zauberhaft in einem Palmenhain gelegenen Übernachtungsort Cha d Igreja. Ich habe Schmerzen im Knöchel am großen Zeh. Der Weg dauert gut 4 Stunden und führt ständig im Auf und Ab an der Steilküste entlang. Nachdem ich den Wanderschuh aufgeschnitten habe, geht es besser.


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Fontainhas

Über das abgeschiedene Fischerdorf Cruzinha führt der historische Pfad entlang der hochaufragenden Steilküste nach Fontainhas in eine Bar ohne Bier. Dieses Getränk sollte bald Mangelware werden. Das Haus ist der Krämerladen. Ziel ist Ponta do Sol, dem ältesten besiedelten Ort, in dem auch unsere Reiseargentur wohnt. Wir finden eine Bar mit Bier, und zum Abendessen gehen wir in ein hervorragendes Restaurant. Wir übernachten später in Ribeira Grande im Hotel.

Das Programm der „Gehfähigen“: Durch das grüne Tal Ribeira da Torre mit seinen hohen Felstürmen führt der Weg zum Pedra Rachada nahe dem Cova-Krater, ständig bergauf, ca. 1000 Hm, 6,5 Std.


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Paul

Am Morgen ist der Fuß so dick, daß ich kaum laufen kann. Dazu hat mit gestern Abend der Hund des Hotels beinahe in den gleichen großen Zeh gebissen, hat aber nur in die Sandale gepackt. Ich frage Alfred, ob ich nicht etwas anderes machen kann, vielleicht nach Brava oder so. Alfred möchte mich mitnehmen auf seine Dienstgänge. Das sei sicher interessant und dann werden wir weitersehen. Nun, das ist angenommen.

Gegen 9:30 Uhr fahren wir dann mit dem Amateurfernsehen nach Paul zur Ziegenfarm. Ein Projekt spanischer Entwicklungshilfe. Die Ziegen sollen bei gleichem Futter 2-3 mal so viel Milch geben. Nun beginnt man mit normalen Ziegen zu kreuzen. Jedoch sind über die Hälfte der Originalziegen in Folge einer Krankheit schon eingegangen. Ab Februar soll Käse hergestellt werden. Bis zu 200 Ziegen kann der Stall fassen. Später bin ich mit Alfred die Höhenstraße zum Übernachtungsort gefahren. So eine Straße habe ich noch nie gesehen! Es ist phantastisch. Wir fahren nach Porto Novo um einzukaufen. Die Gehfähigen sind gegen 14:30 Uhr am Ziel.

Wir essen im Nachbarhaus. Die Küche ist ziemlich finster trotz Kerzenlicht. Aber die Frau und Tochter des Hauses geben sich die allergrößte Mühe. Es gibt Reis mit Bohnen, Maissuppe, Fisch, Mais, Kartoffel und sogar Gemüse. Mehr kann man sich nicht wünschen. Dazu Rotwein und Grogh. Welch ein gewaltiger Unterschied zu dem kargen Mahl vorgestern, wo der Wein schlecht aber die Familie vergleichsweise reich war.

Hinauf zum Cova-Krater (1200 m). Im Kraterinneren wird Feldbau betrieben. Nach Querung und Ausstieg über den Kraterrand geht es hinab ins Riberira do Paul. In Paul treffe ich am Abend die Gruppe wieder beim Essen. Es gibt auch ein Superfrühstück. Ich warte dann auf Alfred. Vielleicht kommt er gegen 10 Uhr. Es wird jedoch bald 11 Uhr. Es stört mich nicht. Wir fahren nach Porto Novo, laden die Seesäcke der anderen Gruppe und fahren nach einer Bierpause nach Catano. Regina kommt mit der anderen Gruppe gegen 14:30 Uhr.

Die Leute haben ihren Beschwerdenachmittag. Sie lassen nichts aus. Ich schäme mich etwas. Sie haben sich ordentlich blamiert. Ich würde sagen: Thema verfehlt. Dadurch kommen Alfred und ich nochmals eine Stunde später nach Paul. Trotzdem gönnen wir uns in Porto Novo Bier und Groque. Die anderen sind schon fertig essen, als wir ankommen, etwa gegen 20 Uhr. Man reicht mir noch ein extra Fisch-Abendessen. Es schmeckt sehr gut.

Die lange Etappe erspare ich mir, obwohl es meinem Fuß besser geht. Die anderen fahren zum Fischerdorf Janela. Es geht die steile Felsküste entlang. Nach der Umgehung eines tief eingeschnittenen Flußtales bei Aquarda de Janela, dem letzten besiedelten Punkt der Strecke, geht es durch halbwüstenartige, steinige Landschaft. Man erreicht Curralete, einen kleinen schwarzen Sandstrand. Baden war wegen der verbreiteten Cholera nicht möglich. Übernachtet wird in Porto Novo.

Hans holt mich ab, nachdem er die Wanderer abgesetzt hat. Wir fahren nach Ribera. Das Aluguer fährt gegen 7 Uhr ab, um rechtzeitig zum Einlaufen des Schiffes von St. Vicente in Porto Novo zu sein. Hans läßt den Reifen des Peugeot reparieren. Das Aluguer kostet 250 Crz. pro Person. Mittagessen (Langusten-Salat), Duschen, Siesta, Warten auf die anderen. Ab morgen werde ich wieder mitlaufen.


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Tarrafal

Wir wollen nach Tarrafal. Zuerst fahren wir mit Alfreds Peugeot Richtung Catano, biegen dann aber ab nach Tarrafal. Trotz der Wüste gibt es vereinzelt Bauernhäuser, Wir fahren bis 1600 Hm etwa. In einer Mondlandschaft beginnt unsere 4-stündige Wanderung bergab nach Tarrafal. Über viele Steine erreichen wir die Straße und gehen bis zu deren Ende. Kurz darauf stehen wir vor einer Kante und es geht steil hinab nach Tarrafal. Wir sehen die Oase und das Meer aus der Vogelperspektive. Hier kann man keine Straße bauen. Nur zu Fuß oder mit dem Schiff kommt man in das Dorf.

Es gibt einen Laden an der „Hauptstraße“. Daneben ist das Restaurant und unser Haus mit den Zimmern zur Übernachtung. Zuerst trinken wir einige Biere, beziehen unsere Zimmer und gehen dann vor dem Abendessen (nur Hans, Jean-Pierre und ich) den schwarzen Strand entlang. Die Sonne versinkt, es ist traumhaft. Der schönste Ort unserer Reise. Später gibt es ein ganz tolles Abendessen: Thunfisch gegrillt mit Sauce und Zwiebeln, Rotwein und Groque.


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Mondrigo

Mein Fuß hat sogar den sehr steilen Abstieg nach Tarrafal überstanden. Heute gehen wir einen kurzen Weg, 3,5 Std., immer einen Höhenweg an der Küste entlang nach Mondrigo. Am Nachmittag liegen wir nach einer Bierpause am Strand im Schatten in einer Naturhöhle. Da trauen wir uns sogar schwimmen zu gehen. Die Kinder des Ortes baden ja auch. Sonst kann man wegen Cholera-Gefahr kaum ins Meer gehen.

Es gibt wieder eine Dorfdusche. Eine Kinderschar schaut dem seltenen Ereignis brav zu. Wir fotographieren und verteilen jedem ein Bonbon. Der Ort selbst ist den Umständen entsprechend sauber. Es gibt keine einzige Toilette in Mondrigo. Die Leute gehen auf die Felder oder an den Strand.

Mein Fuß ist ein wenig dick. Wir übernachten und essen in der Dorfschule. Die Köchin der Schule kocht für uns.


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Catano
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Um 2:30 Uhr ziehen wir los. Die Köchin der Schule hat verschlafen und es gibt kein Frühstück. Der Weg führt steil hinauf auf 1000 m und dann leichter bergan zum Fuß des Tope de Coroa. Mein Fuß meldet sich auf den gepflasterten Wegen. Der Weg ist öde und ausgetrocknet. Ein paar armselige Gehöfte sind zu sehen. Wir erreichen die Hochebene von Norte. Jetzt wird die Landschaft wieder interessanter und der Blick über die Steilkante (Bordeira) versöhnt uns wieder. Solche Tiefblicke gibt es nicht überall. Und was für einen phantastischen Weg hat man in den senkrechten Fels gebaut! Der spektakuläre Pfad führt hinab nach Catano im Tal Ribeira das Patas auf etwa 1000 m Höhe.

Mein Fuß ist dick und ich habe Ruhetag. Ich habe keine Langeweile, auch wenn ich nur ein wenig herumhumpele und auf der Mauer sitze. Ich weiß schon, dass ich begonnen habe, mit der Ruhe zurecht zu kommen.

Die Anderen haben den Kreis der Wanderung geschlossen. Hinab ins Tal Ribeira das Patas und hinauf zur Selada (Grat) de Alto Mira und in den Ort unserer ersten Übernachtung auf dieser Insel. Mit dem Aluguer gelangten Sie zurück nach Catano. Am Morgen fahren wir nach Ribeira Grande ins bekannte Hotel. Das Abendessen in dem noblen Restaurant in Ponta do Sol ist ein besonderer Abschluß.

Mit dem Aluguer nach Porto Novo, Schiff nach St. Vicente, Flugzeug nach Sal. Wir haben noch Zeit und nehmen ein Taxi nach Santa Maria und schauen uns die modernen Surfhotels an. Das Abendessen in dem Städtchen am Flugplatz ist wieder urig. Um 24 Uhr fliegen wir über Amsterdam nach Frankfurt.


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Die junge Frau auf der Rückfahrt mit dem Schiff wurde innerhalb der einzigen Fahrstunde seekrank und benutzte ihre mitgebrachte Plastiktüte. Sie tat mir so leid. Während der Einfahrt in den Hafen bei ruhigerem Wasser, begann es ihr schon langsam besser zu gehen. Wir sahen uns an und sie verstand, dass sie mir leid tat. Sie konnte schon wieder ein wenig lächeln.

Die Frauen sind mehr oder weniger braun und fast alle schön. Die Kinder… Oh Gott, die Kinder. Was werden sie wohl für ein Los haben. 10 Kinder für jede Frau. Und kaum eines wird je Arbeit finden trotz Schule. Aber vielleicht wird es ja doch langsam etwas besser. Ich wünsche es ihnen so sehr.

Die Kinder! – Die Kinder sind ruhig und ganz lieb. Ich war fix und fertig, wie wohlerzogen alle waren. In Porto Novo saßen wir in dem kleinen Dorfpark. Da kam ein Junge, weil er uns im Reiseführer lesen sah. Er setzte sich neben uns auf die Bank und schaute zu wie geblättert wurde. Dann fragte er, ob er auch einmal das Buch in die Hand nehmen und anschauen dürfe. Wir gaben es ihm und versuchten, einige der abgebildeten Orte mit Namen zu nennen. Zum Schluß bedankte sich der Junge. Er bedankte sich wirklich.


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Man kann den Menschen nur wünschen, dass sich der milde Tourismus, wie ihn Alsatour geschaffen hat, noch ein wenig weiterentwickelt und nicht von dem Massentourismus der europäischen Gesellschaften überrollt wird. Ich kann es mir nicht vorstellen. Es gibt nur zwei kleine Hotels auf Sto. Antao. Zu wenig Trinkwasser, zu wenig Elektrizität, zu wenig Duschen und Toiletten, zu wenig Bars und Restaurants. Zu wenig Sandstrände.

Sehr viel Sauberkeit gibt es in den Häusern und auf den Straßen. Sogar in dem entlegenen Tarrafal hat eine Frau die Pflasterstraße gekehrt. Tarrafal! Welch ein Name und welch ein bezaubernder Ort. Der Spaziergang den schwarzen Strand entlang und der Sonnenuntergang waren unfaßbar.

Die Warmherzigkeit der Kapverden steckt an. Aber es ist wie mit einer Infektionskrankheit. Irgendwann wird sie so langsam verschwinden. Auf einmal ist alles wieder wie vorher und man bemerkt gar nicht, was man verloren hat.