Kaukasus

Der Elbrus und der Kasbek waren das absolute Ziel unserer Skitouren im Kaukasus. Über Moskau reisten wir im Mai 1986 in zwei Tagen an zum „Internationalen Camp“ im Hotel Itkol im Tal des Baksan am Elbrus. Vom Hotel musste man erst ein Stück den Hang hinaufsteigen, bis die größeren Berge zu sehen waren. Von der ersten Skitour mit dem Sessellift zum Tscheget-Gipfel zeigte sich der hohe Elbrus nur kurz aus den Wolken, ein scheuer Berg, von allen Seiten stauten sich die Schlechtwetterwolken an ihm.


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Prijut 11 und Elbrus

Die zweite Tour führte uns zur Akklimatisation und Erkundung auf Prijut 11, 4070 m (?) hoch. An der Hütte steht 4200 m. Die Hütte ähnelt eher einem gepanzertem Schiff, 1937 erbaut. Ein Riesentrumm mit drei Stockwerken, elektrischem Strom, Betten und Decken. (Anmerkung 2009: Die alte Hütte ist zerstört und ersetzt worden durch mehrere kleine „Röhrenlager“) Das Wetter war schlecht. Am Abend regnete es im Tal.


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Grünes Biwak und Anstieg zum Gumatschi

Die dritte Tour: 4 Uhr wecken. 5 Uhr Abfahrt, 6 Uhr Abmarsch zum Grünen Biwak. Von 2200 Hm bis 2600 Hm trugen wir die Ski und Schuhe im Rucksack, etwa eineinhalb Stunden. Am Grünen Biwak konnten wir erst die Ski anschnallen. Es war neblig und kalt. So verging die Freude. Nach einiger Zeit kamen wir aus dem Nebel in die Sonne. Da war ich wieder froh, so weit gegangen zu sein. Der Elbrus leuchtete zum ersten mal über dem Wolkenmeer. Den geplanten Gumatschi konnten wir wegen Lawinengefahr nicht besteigen. Wir gingen zu einem kleinen Nebengipfel ohne Namen. Oben am Steilhang war Schwimmschnee, eine dicke Schicht Graupel, die es hereingeweht hatte. Da stiegen wir zu Fuß durch mit Ski auf dem Rucksack. Ich sackte so richtig in die Graupel ein, als wäre das Luft. Die Abfahrt war ganz ordentlich. Nach 17 Uhr begann es wieder zu regnen. So große Begeisterung war nicht aufgekommen.


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Am Grat des Nebengipfels und während der Abfahrt, der Gumatschi links

Am nächsten Tag weckte mich der Sonnenschein. Um 11 Uhr fuhren wir mit der Elbrusbahn hinauf bis 3700 m. Der Rest zu Prijut 11 war trotz Gepäck ein Kinderspiel. Die Hütte war bald voll belegt. An den Schmutz gewöhnten wir uns. Zur Akklimatisation stiegen wir noch zu den Pastuchow-Felsen auf 4700 m. Ich war putzmunter. Die Abfahrt bis zur Hütte ist ein Riesenhang.


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Abfahrt bei Prijut 11 und Aufstieg zum Elbrus

Um 3 Uhr nachts wurden wir wach. Der Wind heulte. Ob wir aufsteigen?


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Um 4:15 Uhr gingen wir los. Bis auf 5200 m mußten wir spuren, Luis, Bernd und ich. Die Übrigen hielten respektvollen Abstand. Am Sattel auf 5300 m zog es sich zu. Der Luis ging in Nebel und Sturm bis zum Gipfel voran. Auf dem höchsten Berg Europas standen wir in dichtem Nebel. Ich wollte am liebsten weg von den ganzen Leuten.


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Am Gipfel des Elbrus, 5633 m, und die Abfahrt nach Prijut 11

Am Abend vor der Hütte schauten wir auf das Wolkenmeer und die heraus ragenden Gipfel. Am Morgen war besseres Wetter, wir hätten noch einmal hinaufsteigen sollen. Die Skiabfahrt bis zur Mittelstation auf etwa 2600 m absolvierten wir zweimal als Entschädigung für gestern.


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Auf dem Weg zum großen Asau, rechts

Am nächsten Tag fuhr ein Teil der Gruppe zur Schelda-Kluft, der Rest zur Skitour auf den Großen Asau , 3687 m. Bequem trug uns die Seilbahn auf 3500 m. Es war ein Supertag. Auf und ab ging es über den Gletscher unterhalb den Elbrus-Abbrüchen, einem weiten Becken. Der Gipfelanstieg wurde immer steiler. Endlich kam die ersehnte Rundsicht. Dann fuhren wir jenseits eine steile, unten breiter werdende Rinne hinab, kamen dann in ein weites Becken und fuhren über unbeschreiblichen Firn. Zum Schluß trugen wir die Ski eineinhalb Stunden durch eine wilde, zerklüftete Schlucht. An diesem Tag erst war ich so richtig im Kaukasus angekommen, ein wirklich besonderer Pfingstmontag.


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Am Gipfel des Asau, und die obere Rinne der Abfahrt

Wir fuhren einen Tag lang bis Kasbegi. Unser Hotel wurde gerade renoviert. Es roch in allen Zimmer nach Farbe. Aber wir waren in Georgien! Es gab zum Essen georgischen Rotwein. Wir waren unter freundlichen Menschen und fühlten uns wohl.


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Der Kasbek über Kasbegi. Aufstieg vorerst zu Fuß mit gutem Gepäck.

Unser Gepäck fuhr man mit dem Lkw bis zur Kirche oberhalb Kasbegi. Die russischen Trainer sahen das nicht so gern. Sie meinten, das Tragen der Ski gehöre mit zur Tour. Eineinhalb Stunden schleppten wir die schweren Rucksäcke mit den Ski noch bis zur Schneegrenze. Danach waren es nur noch 13 kg. Fünfeinhalb Stunden wurden es bis zur Meteorologischen Station auf 3656 m. Der Anstieg betrug etwa 1850 Hm. Das Barometer war ständig am Fallen. Zwei Menschen halten sich auf der Station das ganze Jahr über in dem einzigen geheizten Raum auf. Wir waren in Vierer-Räumen auf dem Fußboden untergebracht. Überall lag Gerümpel.


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Die Meteorologische Station
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Die ganze Nacht stürmte es und wir mußten am nächsten Tag auf der Hütte bleiben. In der zweiten Nacht weckte uns Sigi um 4 Uhr. Um 6 Uhr konnten wir endlich losziehen. Die Bewölkung riß etwas auf, aber Sturm und Nebel hatten uns vor dem Paß schon lange wieder eingeholt. Wilde Graupelschauer wehten uns entgegen. Sigi rettete einen kleinen Vogel – einen von den vielen, die der Südsturm auf den Gletscher geblasen hatte und die nun erfroren. Wir kamen nach dem 4300 m hohen Sattel noch auf 4400 m und mußten umdrehen. Die sowjetischen Begleiter hätten uns auch nicht weiter gehen lassen. Wir rasteten auf der Wetterwarte, kochten und packten. Noch nicht einmal der Sigi sah eine spätere Gipfelchance. Bei der Abfahrt schneite es wie verrückt. Weiter unten ging es zu Fuß durch strömenden Regen. Naß bis auf die Haut errichten wir den Bus. Eine Freude war’s nicht.


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Auftieg zum Kasbek und Beratschlagung am Umkehrpunkt

Nach den Nächten auf der Wetterwarte trug unser Hotel in Kasbegi nun einen zusätzlichen Stern. Wir feierten am Abend mit gutem Essen, viel georgischem Wein und Trinksprüchen unserer georgischen Freunde, in denen von Freundschaft und Frieden gesprochen wurde und ja nie wieder Krieg! Wir erwiderten die Trinksprüche und jedesmal wurde das Glas geleert. Hier lernten wir das kennen: die im wahrsten Sinne des Wortes grenzenlose Herzlichkeit der georgischen Gastfreundschaft und ihre Menschlichkeit.