Mont Blanc

Nach unserer Haute Route und vielen Touren danach fühlten wir uns schließlich erfahren genug, den Mont Blanc mit Skiern zu versuchen. Zu dritt wagten wir den Aufstieg: Fred, Walter und ich. Während einer 100-%-igen Schönwetterperiode fuhren wir Anfang Mai 1989 nach Chamonix.


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In der Jonction vor Grand Mulet

Vier Versuche hatten wir bisher unternommen, den Mont Blanc zu besteigen. Am Anschluß an die Haute Route wären wir wohl bestens akklimatisiert hinaufgekommen. Aber während all diesen Versuchen war das Wetter so schlecht, dass wir den Mont Blanc gar nicht zu Gesicht bekamen. Schließlich lag ein beständiges Hoch über Europa. Nun konnte uns die Besteigung gelingen.

Nachdem ich mich am Abend noch schnell für eine Eigentumswohnung entschieden hatte, fuhren wir in der Nacht zum Donnerstag ab 2:45 Uhr nach Chamonix. Fred, Walter und ich standen um 9°° Uhr an der Seilbahn Plan De l’Aiguille. Keine Wolke war am Himmel. Ich wußte gar nicht, dass es hier so viele Berge gibt. In den vergangenen vier Jahren sahen wir fast immer Regen, nie den Mont Blanc.


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Anstieg durch die Jonction nach Grand Mulet

Wir fuhren mit der Seilbahn hinauf und zogen hinüber nach Grand Mulet. Die steilen Hänge unter der Aiguille di Midi waren hart gefroren und erforderten allergrößte Vorsicht. Die fallende Querung rutschten wir unsicher auf den Fellen hinab. In der Jonction erhielten wir einen kleinen Vorgeschmack auf die Gletscherbrüche am Mont Blanc.


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Grand Mulet, 3050 m

Grand Mulet. Die Skifahrer fielen ein wie die Ameisen. Leider oder zum Glück hatten wir nicht reserviert. Für solche Leute 2. Klasse (3. Klasse verpflegt sich noch selbst) war kein Lager mehr frei. Später stellte sich heraus, dass bei einem solchen Ansturm von Bergsteigern ab der 2. Klasse auch kein Abendessen mehr zu erhalten war. Dafür kostete die Nacht auf der Bank oder Treppe immerhin noch 50 Franc. Da wählten wir den (scheinbar) unbequemeren Weg: Ich wollte schon immer einmal biwakieren. Fred und Walter zögerten nicht, obwohl Walter keinen Schlafsack dabei hatte. 100 m oberhalb der Hütte gruben wir uns ein komfortables Schneeloch. Dabei schien die Sonne und es war windstill. Erst als die Sonne unterging schlich die Kälte heran. Wir schliefen nicht oder sehr wenig, jeder hörte jede Bewegung des anderen. Aber in der übervollen Hütte wäre es weitaus unangenehmer gewesen. Zumindest blieb uns die Ruhe und der Sternenhimmel.


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Vorbereitung zum Biwak oberhalb Grand Mulet

Um 0:30 Uhr begannen wir Tee zu kochen, ein wenig zu essen und zu packen. Um 1:45 Uhr reihten wir uns ein in die Schlange der Stirnlampen, die hinaufzog zum Gletscherbruch vor dem Petit Plateau. Der steile, teilweise sehr schmale Anstiegsweg über die Gletscherbrücken kostete meine ganze Kraft.


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Am Grand Plateau

Nach einer kurzen Verschnaufpause stiegen wir über die Grand Montees zum Grand Plateau. Viele überholten uns. Ich glaubte da schon gar nicht mehr, dass ich zum Gipfel käme, so fertig, schwerfällig und müde war ich. Auf dem Grand Plateau war ich während dem Gehen eingenickt und konnte mich gerade noch fangen, bevor ich umfiel. Bis zur Vallot-Hütte brauchte ich einen sehr starken Willen.


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Die Spitzen der Aguille du Midi
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In der Biwakschachtel lagen wir eine Stunde wie abgeschossen auf den schmutzigen Matrazen. Überall lag Abfall in den Ecken und unter dem Tisch, auf dem wir später Tee und Suppe kochten. Ein wenig mußten wir essen. Ob wir den Anstieg noch weiter zum Gipfel schafften? Ich dachte, dass sich das wohl am ersten steilen Stück den Grat hinauf entscheiden würde.


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Mit Steigeisen und Skistöcken gingen wir zum Bosses-Grat. Die Ruhezeit hatte gut getan. Ich ahnte, wir konnten es schaffen.


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Der Grat war riesig und spitzte sich oben zu, dass nur noch zwei Füße Platz hatten. Wir sahen in einzigartige Eisabbrüche hinein. Wir dachten nicht daran, dass uns die Kraft fehlen könnte. Im oberen Stück wichen wir den herabkommenden Seilschaften in die fußbreite Spur in den Nordhang aus. Der Hang war hart und ein Ausrutscher tödlich. Wir schafften den Mont Blanc! Der Grat weitete sich zum Gipfelplateau! Was für eine Erlösung, die Tränen flossen, aber ich ging ja vorneweg. Die Anspannung wich, wir standen und schauten! Was für eine klare Sicht, die Alpen unter uns! Wie winzig die Aiguille du Midi. Das sind die Minuten, weswegen man das alles auf sich nimmt. Und: Wenn die Sonne aufgeht und die Farben sich ständig verändern.


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Am Gipfel des Mont Blanc, 4807 m

In einer halben Stunde stiegen wir zur Vallot-Hütte ab. Die Skiabfahrt später glich einer leicht ausgefahrenen Piste mit kleinen Buckeln. Die Kraft zum ordentlichen Fahren fehlte jetzt. Nach ein paar Schwüngen war ich jedesmal völlig ausgepumpt.


Abstieg

Im Tageslicht sahen wir die ungeheuerlichen Eisabbrüche oberhalb dem Petit Plateau. Kein Wunder, dass mich das so viel Kraft gekostet hatte. Eine Schneebrücke war zusammengebrochen. Wir sprangen über die Spalte. Dabei fiel dem Walter der Ski beinahe ins Loch. Das war das gefährlichste Stück. Ich fragte mich, wie wir da in der Nacht hinaufgekommen waren. An unserem Schneebiwak verstauten wir die zurückgelassene Ausrüstung und fuhren mit einem noch unbeweglicher machenden Rucksack durch die Jonction.

Die danach folgende ansteigende Querung quälte uns ein letztes mal. Das kostete noch einmal viel Willen und Kraft. Da mochte wirklich niemand mehr. Um 16:30 Uhr standen wir wieder in Chamonix auf dem Parkplatz. Wir gingen in Chamonix in der Fußgängerzone gleich ein großes Bier trinken und etwas essen. Ein großes Bier ist in Chamonix genau so ein Litermaß wie in Bayern. Durst hatten wir auch noch für eine zweite Maß. Überrascht waren wir nur, als wir 22 Mark für einen Krug zahlen mußten.

Wir übernachteten im Lager der Refuge de la Montagne. Am nächsten Tag leuchtete der Mont Blanc zu uns herab. Was für gewaltige Bergspitzen hier stehen! Wir fuhren durch das Rhonetal nach Zermatt und trafen die Freunde der Skiabteilung, die ein paar Tage zum Pistenfahren dort verbrachten.