Neuseeland

Die Seefahrer, die früher nach New Zealand wollten, sahen als erstes eine große, weiße Wolke. Dann wußten sie, dass sie ihr Ziel erreicht hatten.

1993 reiste ich für 4 Wochen nach Newzealand.

Von Aukland fahren wir nach einer Stadt- und Hafenbesichtigung an den Strand von Piha. Kaum ein Mensch ist zu sehen. Mitten in dem breiten Strand steht ein spitzer Felsen, den wir in zwanzig Minuten besteigen.

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Die Coromandel-Bay ist unser nächstes Ziel. Wir übernachten in Hahei. Von der Anhöhe spazieren wir hinab zum Felsenstrand, zur Cathedrale, einem Felsriegel mit grossem Durchschlupf. Was für Ausblicke! Ich hatte es doch noch nie so mit Stränden und Meer, aber das hier haut einem ganz einfach um. Einen Hot-Water-Beach gibt es. Wenn man die Füsse in den Sand bohrt, kann man es vor Hitze bald kaum mehr aushalten. Man baut einen kleinen Damm und kann sich in das warme Wasser setzten. Irgendwann schwappt dann die erste grosse kalte Welle in die Wanne und kühlt die Badenden. Eine Riesenfreude für alle.

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Einen solch brachialen Weg wie den Abel-Tasman-Coastal-Track hatte ich niemals erwartet. Schon die Anfahrt mit dem Boot ist einzigartig mit phantastischen Ausblicken auf unbeschreibliche Regenwälder und auf die Strände.

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Wenn die Gezeiten es erlauben, kann man die Awaroa Bay durchqueren. Die sicheren Zeiten zur Querung sind angeschrieben. Trotzdem geht uns das Wasser bis zur Hose. Barfuß zu gehen ist wegen der vielen Muscheln recht schmerzhaft.


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Gemütlich mit vielen Pausen erreichen wir in 6 Stunden die Awaroa-Hut. Diese Hütte steht auf Privatgrund und wurde von den Besitzern erweitert, so dass man hervorragend wohnen, essen und trinken kann. Eine junge Dame aus Ulm, Kirsten, führt die Hütte. Sie hat einen Freund superreicher Eltern aus Christchurch. Seit drei Jahren ist sie hier. Am Abend zum Sonnenuntergang laufe ich das Stück zum Strand und trabe bis an sein Ende und zurück. Kein Mensch weit und breit, außer Kirsten und ihr Freund mit zwei Hunden.

Der nächste Küstenabschnitt ist noch spektakulärer: Whakariki Beach! Man muß zwanzig Minuten gehen. Dann haut es einen aus dem Stand! Die Brandung ist vom Besten der Westküste. Wir steigen auf eine kleine Erhebung und beobachten Seehunde und die wilde Brandung. Die Flut kommt und unsere kleine Erhebung ist zur Insel geworden. Das Wasser geht uns wieder bis zum Hosenboden. Zu Abend gegessen haben wir in Collingwood in einer typischen Westcoast-Kneipe. Fish und Chips und BYO. Man muß das erlebt haben, es ist nicht zu fassen.


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Heute beginnt der Heaphy-Track. Vorher sehen wir an der Küste noch eines der vielen Hippy-Wohnmobile. Ob sie noch mobil sind, weiß man nicht. Ein Krämerladen aus der Pionierzeit steht an der Straße zum Startpunkt des Heaphy-Tracks. Charles Heaphy war 1846 mit einem Landvermesser und zwei Maori aufgebrochen, um einen Weg zur Mündung des Buller-River am Cape Foulwind entlang der Küste zu suchen. Er benötigte 3 Monate. Erst 1860 suchte James Mackay die Inlandroute, als er von der Westcoast zurückkehrte. Vom Flußtal sieht man zu den ersten Hügeln und die 800 Höhenmeter, die wir mit unseren schweren Rucksäcken hinauf wollen. An der Brown Hut wird es ernst. Um 10 Uhr geht es los. 4 Stunden Gehzeit benötigen wir plus eine halbe Stunde Pause am Aorere Shelter. Dann stehen wir vor der Perry Saddle Hut. Der Anstieg ist trotz allem gleichmäßig und recht bequem. Flanagans Corner ist mit 915 m der höchste Punkt des Tracks. Die Hütte besteht aus zwei Schlafräumen, einem großen Aufenthaltsraum mit Gaskochern. Das ist überall Standard. Es zieht Nebel auf. Wir sind zu siebt. Später kommen noch 8 Leute. Das ist die übliche Belegung der Hütten hier. Für 20 -24 ist Platz.

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Nach den gestrigen 16 km erwarten uns heute 24 km über das Hochplateau der Gowland Douwns mit seiner Moorlandschaft und dem Tussock-Gras zur Mackay Hut. Wir stehen gegen 6 Uhr auf und gehen um 7.30 Uhr los. Nach dem kargen Hochplateau geraten wir urplötzlich in einen Zauberwald.

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Mehrere wackelige Hängebrücken führen über Bäche, die je nach Regenfällen ihre Breite verändern. Um 11 Uhr ereichen wir die Saxon Hut, die 1982 errichtet wurde. Das Wetter verschlechtert sich schlagartig und auf der letzten halben Wegstunde geraten wir in den ersten brachialen Regenschutt unserer Wandertage. Aber was ist schon eine halbe Stunde Wolkenbruch während unserem mehrtägigem Track! Das erleben viele ganz anders. Um 14.30 Uhr erreichen wir die Mackay Hut. Um 16 Uhr haben wir schon etwas gegessen und unsere Sachen trocknen am Ofen.

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Heute sind 20 km zu bewältigen. Von 7.15 Uhr bis 11 Uhr wandern wir zur Lewis Hut. Nach einer ausgiebigen Pause sind es noch 2 Stunden zur Heaphy Hut. Wir machen inzwischen die erste intensive Bekanntschaft mit den Sandflies. Sobald man stehen bleibt, fallen die Sandflies in Scharen über einen her. Die Flies sind eine für die Südinsel besonders charakteristische Moskitoart. Für die letzten 16 km benötigen wir knappe 5 Stunden. Gegen 12 Uhr sind wir am Endpunkt des Tracks in Karamea.

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Der Milford-Track ist nur 54 km lang und beginnt mit dem Schiff am Lake Te Anau. Zur Mintaro Hut sind es weitere 5 Stunden, danach zur Dumpling Hut 7 Std. über einen 1073 m hohen Paß. Und nochmal 5-6 Stunden zum Sandfly-Point. Das Wetter ist schlecht, es regnet in Strömen, oben liegen über 1 m Neuschnee. Der Hütenwart weist auf die erhebliche Lawinengefahr hin, die nach den Regenfällen herrscht. Am heutigen Nachmittag sollen 200 mm (!) Regen fallen. Wir müssen einen Tag auf der Hütte verbringen. Auch werden keine neuen Wanderer auf den Track gelassen. Nach einer kurzen Phase, während der die Sonne blinzelt, schüttet es nach 16 Uhr wieder extrem. Der Fluß schwillt zusehens alle halbe Stunde an und bildet bald einen Seitenarm. Am Abend startet die große Schau der Nationen: Jedes Land soll etwas vorführen. Australier, Amerikaner, Neuseeländer und Deutsche sind da. Die Zwei-Stunden-Schau am Abend ist perfekt, besonders die Australier heben sich hervor. Mit einem Mal fühle ich, dass so die Völkerverständigung anfängt. Hier ist jeder ein Mensch. Das lernt man in Neuseeland: Jeder ist ein Mensch, der es wert ist, dass man mit ihm spricht. Und für jeden soll man sich Zeit nehmen. Wir sollten uns viel mehr Zeit nehmen, mit dem Mitmenschen zu reden.

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Am Morgen regnet es genau wie gestern. Gegen 8 Uhr kommt etwas Wind auf. Um 9 Uhr dürfen wir gehen, die Lawinengefahr ist wohl vorüber. Wir benötigen nur 4 Stunden zur Mintaro Hut. Es regnet. Je länger es regnet, desto wässriger werden die Wege, manchmal bilden sich kleine Seen um die Wege. Diesesmal schwappt das Wasser noch nicht in die Schuhe. Nach der Pompolona Hut (1. Klasse) gibt es drei Lawinenstriche (200 m und zwei mal 300 m). Es waren keine Schneerutschen abgegangen. Am Nachmittag bessert sich das Wetter. Otti und ich gehen schon einmal zum Mackinnon-Paß hinauf. Die Berge werden frei. Entfernt sehen wir ein paar Lawinenstriche. Und auch die steilen Hänge vom gestrigen Tag, vor denen die Kommission Bedenken zeigte.

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Um 7.15 Uhr verlassen wir Mintaro und sind in eineinhalb Stunden am Mackinnon-Pass. Keine Wolke ist am Himmel, die Sicht einzigartig klar. Wir werden für den Regen entschädigt. Es gibt Leute, die haben nur Regen. Aber wenigstens am Tag der Paßüberschreitung sollte man Sonne haben. Der Weg zur Quintin Hut führt steil hinab. Unten gehen wir die 3/4 Stunde hin und zurück zu den Sutherland Falls. Um 16 Uhr sind wir dann auf der Dumpling Hut. Es wird sehr warm. Der Sommer kehrt zurück. Aber bald weht der Wind wieder Wolken herbei. Morgen soll es wieder regnen.

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Es regnet in Strömen. 5 Stunden benötigen wir zum Sandfly-Point. Diesesmal sind die Schuhe vollkommen durchgeweicht. Besonders nach dem einen Wegstück, aus dem ein tiefer Bach geworden ist. Da läuft das Wasser in die Schuhe. Meine Socken fangen an zu schäumen, da die Waschmaschine das Waschpulver nicht vollständig ausgespült hat. Je länger es regnet, desto höher steht das Wasser auf den Wegen. Das Boot zum Milford Sound fährt um 14 Uhr für die Freedom-Walkers. Um 15 Uhr für die Last Freedom-Walkers + Guided Walkers, um 16 Uhr nur noch für Guided Walkers. So sind die Klassenunterschiede hier. Am Milford Sound regnet es immer noch in Strömen. Den Mitre Peak sehen wir nur auf Postkarten. Gestern an dem Supertag waren 2000 Leute am Milford-Sound mit 67 Bussen. Es gibt eine moderne Busstation mit überdachten Fußwegen, damit die Japaner nicht naß werden. Wir fahren zurück nach Te Anau und übernachten außerhalb auf einer Farm, die hauptsächlich Rotwild hält. Zu Abend essen wir jedoch in Te Anau (Steward Island Mussels, die besten Muscheln, die ich je gegessen habe). Später beim John auf der Farm trinken wir noch einen guten zwei-Finger-Gin und etwas Wein.

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Wir fahren nach Queenstown zum Bungy Jumping. Der Sprung kostet 89 $ einschließlich einem speziellen T-Shirt, das nur der bekommt, der wirklich gesprungen ist. Solange ich noch nicht auf der Platform zum Absprung stehe, habe ich noch ein gutes Gefühl. Dann auf einmal stehe ich am Rand des Sprungbrettes, der Angestellte zählt „Three, Two, One – Go!“ Dabei werden die 43 m immer tiefer. Nach dem „Go!“ bleibe ich zuerst stehen. Die Überwindung beginnt. Dann schaltet das Gehirn ab, ich springe mit ausgebreiteten Armen hoch hinaus.Es geht rasend schnell und immer schneller, die Geschwindigkeit fährt in den Magen. Dann wird die Sicht wieder klarer, die Hände tauchen in das Wasser, ich sehe den Fluß. Das Bungy zieht mich wieder 2/3 zurück. Plötzlich hänge ich wieder oben, sehe während der Stillstandphase tief unten den Fluß. Scheiße, denke ich, jetzt geht das noch einmal los! Erst danach pendele ich langsam aus. Man holt mich in das Schlauchboot.

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Den prächtigstenersten Blick auf den Mount Cook hat man vom Lake Pukaki, einem Stausee, der zur Stromerzeugung dient. Wir übernachten in den Motels von Glentanner. Von dort haben wir zwei Wanderungen zur Muller Hut und hinein in Hooker-Valley zur Hooker Hut.

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Das Ende unserer Reise ist nun bald erreicht: Christchurch. Dort steht uns nun der längste Tag bevor. Wir stehen um 3.30 Uhr auf. Vom Stadtpark aus wollen wir zum Ballonflug starten. Aber wegen Nebel, der, nachdem wir den Ballon fast vollständig aufgeblasen haben, in die Stadt zieht, erhalten wir keine Flugerlaubnis. Wir müssen enttäuscht den Ballon wieder zusammenlegen. Müde sind wir um 7 Uhr wieder zum Frühstück im Hotel.Ab 9 Uhr haben wir Zeit für die Stadt. Mit gefällt die Stadt sehr. Hier kann man leben. Und das hat Otti ja auch festgestellt. Die Sonne brennt erbarmungslos. Ich habe meine Kopfbedeckung nicht dabei, da am Vormittag das Wetter schlecht war. Nun hole ich mir einen ordentlichen Sonnenbrand. Die Stunden in Neuseeland kann man nun zählen. Um 16.30 Uhr fahren wir zum Flughafen. Otti ist mit seiner Familie zum Abschied gekommen. Wir fliegen gegen 18.30 Uhr nach Auckland. Auf der Nordinsel zeigt sich uns der Vulkankegel des Mount Egmont, 2510 m hoch. Wir verlassen Neuseeland von Auckland gegen 22.15 Uhr. Frankfurt erreichen wir am Mittwoch, 15.12., gegen Mittag.

 
 
Ich machte während diesen vier Wochen so viele Erfahrungen, wie ich es mir niemals vorgestellt hatte. Hier gibt es Menschen, die sich noch die Mühe machen miteinander zu sprechen. Den Kiwis kommt auch gar nicht der Gedanke, dafür keine Zeit zu haben. Dazu verstand ich ihre Sprache. In New Zealand ist genügend Raum für diesen ihnen eigenen Lebensstil. Man kann und braucht es gar nicht mit uns zu vergleichen. Unsere Hektik sind ja auch nur wir selbst gewohnt. Keine Kiwi könnte ohne Umstellung bei uns leben. Bei uns gibt es so viel Aggresivität, meint Otti.

Ich hatte mir vor dieser Reise vorgestellt, dass ich wieder einmal Zeit haben würde, in mich hineinzusehen. Aber es kam anders: Ich sah meine Umgebung deutlicher und bemerkte die Menschen. Auch zu Hause stellte ich plötzlich fest, dass ich viel mehr mit den Leuten redete. Es ist nicht so wichtig, ob man die Leute vielleicht gar nicht mehr sieht, Hauptsache man redet mehr miteinander.

Ein paar Erfahrungen sollten mir erhalten bleiben: Mich nicht mehr so sehr in unsere Hektik einbinden zu lassen. Mir Zeit zu nehmen, um mit den Menschen zu reden. Die Leute zu akzeptieren, wie sie sind.

Nach drei Arbeitswochen spürte ich schon, dass einiges verlorengeht. Otti hat gesagt, ich könnte ein Kiwi werden, wenn ich so weitermache. Er wollte uns etwas von dem Kiwi-Lebensstil vermitteln. Als ich zurückkam, glaubte ich, dass ich ihn verstanden habe. Ich sollte irgendwann zurückkommen über die Südseeinseln.