Tansania – Kilimanjaro

Wildparks und ein großer Berg

Nach Tansania und zum Kilimanjaro zog es mich im Jahr 1979. Mein höchster Berg vorher war die Wildspitze in Österreich. Entsprechend reserviert näherte ich mich diesem einzigartigen Bergriesen.

Beim Sonnenaufgang im Flugzeug befinden wir uns über dem Sudan. Ich bekomme den ersten Schrecken: Wir fliegen über eine geschlossene Wolkendecke statt des erwarteten guten Wetters. Das Kibo-Massiv sehen wir nur schemenhaft im Himmel. Dazu noch die enge Nacht in einer DC-8 der KLM. Sonntagmorgens gegen 9 Uhr landen wir in Arusha auf dem Kilimanjaro-Airport. Ringsum türmen sich riesige Berge auf: Mt. Meru, Mawenzi, Kilimanjaro, 4500 m bis 6000 m hoch. Ich verlasse das Flugzeug und bekomme den zweiten Schrecken: Es ist nicht nur bewölkt, sondern auch recht kühl. Aber wir sind in Ostafrika!

Herr Delius soll uns mit seinem zum Safari-Gebrauch umgerüsteten Bundeswehr-Unimog erwarten. Erst drei Tage vor Abflug haben wir bei seiner Frau in Deutschland die 7-tätige Safari gebucht. In der Flughafenhalle sehen wir einen alten Mann mit wenig Haaren, einem beigen Overall und verschmitztem Gesicht. Eine deutsche Frau, die in Tansania lebt, hat uns kurz vorher den Herrn Delius so beschrieben: „Er fährt überall hin, wo sich sonst niemand hin getraut.“

Wir verstauen unser Gepäck unter den Sitzbänken auf der Pritsche des Unimog. Maximal acht Personen haben Platz. Wir sind aber nur fünf und so ist ausreichend Platz für jeden. Ohne Verschnaufpause startet die Safari. Wir fahren auf Asphalt nach Arusha. Das ist eine wahre Wonne – erkennen wir erst später -, denn es gibt kaum Schlaglöcher. In Arusha, der Stadt der Schlaglöcher, bekommen wir einen ersten Vorgeschmack. Wir erreichen die Lodge im Tarangire Nationalpark zur Mittagszeit. Wir räumen unser Gepäck in die einfachen Hauszelte über die noch ein Schilfdach gebaut ist. Man hat eine kleine Veranda und sogar ein Toilettenzelt (ein Eimer mit einer Sitzbrille darauf). Im Zelt stehen zwei Betten, Tisch, Spiegel, eine Wanne zum Waschen mit Wasser und eine Karaffe mit Trinkwasser. An den Fenstern befinden sich Moskito-Netze und als Rolladen dient eine Zeltplane. Es gibt sogar eine Glühlampe. Wir sind hier noch mitten in Afrika und hören nachts so viele Geräusche wie in keiner anderen Lodge.

Ziemlich spät beginnen wir die Fahrt durch den Wildpark, der erst im Jahr 1957 zum Tierreservat erklärt wurde. Die Landschaft ist recht flach. Wir sehen viele Baobabs, deren Stämme von Elefanten auf der Suche nach Wasser ausgehöhlt wurden. Zebras und Giraffen sehen wir und entfernt eine Büffelherde. Paviane springen über den Weg. Ein paar Elefanten sind mit dem Unimog böse. Aber sie proben nur den Aufstand. Als es dämmrig wird, fahren wir zurück zur Lodge. Man hat einen prachtvollen Blick hinunter in das Flusstal, zu dem die Tiere zur Tränke kommen. Beim Abendessen stellen wir fest, dass nur noch etwa zehn weitere Gäste in der Lodge sind. Später nach dem Kaffee zündet man draußen ein Feuer an. Wir setzen uns um das wärmende Feuer. Und Herr Delius erzählt uns zum ersten mal über seine Wahlheimat, in der er seit elf oder zwölf Jahren lebt. Er verdient sein Geld als „Adviser“ beim YMCA und Safari-Veranstalter. Keiner hätte uns offener und sachkundiger über Tansania berichten können. Er ist sogar einige Monate zu Fuß mit einem Esel durch das Land der Masai gezogen.

Wir verlassen den Tarangire Nationalpark und erreichen bald das Städtchen Mto Wa Mbu. Es gibt einen bunten Markt auf dem wir rote Bananen und Reiskuchen für die Mittagspause kaufen. Nicht weit entfernt von Mto Wa Mbu liegt der Lake Manyara Nationalpark. Er ist der kleinste Park Tansanias. Die steile westliche Begrenzung bildet der ostafrikanische Grabenbruch, die andere Grenze der Lake Manyara. Dazwischen erstreckt sich das weitläufige, schmale Band des Wildparks. Wir fahren von 11 bis 19 Uhr durch den Park und erleben eine vielfältige Tierwelt in einer unvergleichlich schönen Landschaft. Wir begegnen zuerst einer Wasserbüffelherde. Es gibt Elefanten, wohin man nur schaut. 400 Tiere drängen sich auf kleinstem Raum. Herr Delius fährt über Stock und Stein. Im Gestrüpp bleibt der Unimog beinahe stecken. Hier bewährt sich auf der Pritsche das Gestell mit Netz. Es schützt uns vor den Ästen. Auch der erhöhte Aussichtsort bietet viele Vorteile. Wir sitzen in der frischen Luft und haben unmittelbaren Kontakt zur Natur. Nicht wie die in VW-Bussen oder Landrovern eingepferchten anderen Touristen.

Herr Delius fährt uns bis zum Ende des Parks nach Maji Moi und den gleichen Weg wieder zurück. Wir hätten sonst in einem Local Guesthouse übernachten müssen. Das haben wir uns nicht getraut. Außerdem meint Herr Delius, vor lauter Lärm könne man dort die ganze Nacht nicht schlafen. So ziehen wir das vornehme Lake Manyara Hotel vor (und verpassen wohl eine einmalige Gelegenheit). Das Hotel liegt am Rande des Grabenbruchs, etwa 600 m höher als der Park. Wir kommen erst in der Dunkelheit an. Am nächsten Morgen können wir den einzigartigen Blick über den Park genießen. Wir stehen immer früh auf, damit wir gegen acht Uhr abfahren können. Ein langes Stück Weg liegt vor uns: Über den Ngorongoro Crater wollen wir zum Serengeti National Park und dort zur Seronera Lodge. Erste Station ist jedoch die Bank in Karatu. Die rote Straße ist sehr schlecht, wir kommen nur langsam voran. Die Landschaft ist sehr fruchtbar. Es ist stark bewölkt und gelegentlich beginnt es zu nieseln. Auf dem Unimog wird es empfindlich kühl. Durch den Regenwald fahren wir stets im Nebel und Nieselregen zum Ngorongoro Crater hinauf. Unterwegs versperrt plötzlich ein riesiger Elefantenbulle die Straße. Wir haben zu warten. Selbst als das „Unimog-Tier“ hupt und den Motor aufheulen läßt, stört es den Elefanten nicht. Er ist der Stärkere. Erst als ein zweites Fahrzeug von der Bergseite entgegenkommt, trottet der Elefant langsam in den Regenwald.

Die ehrwürdige Crater Lodge liegt tief in den Wolken. Wir frieren. Die Lodge befindet sich immerhin in 2400 m Höhe. In der Bar trinken wir Konjagi, einen klaren Schnaps, der uns auch nicht wärmen kann. Danach fahren wir ständig in Wolken ein ganzes Stück den Craterrand entlang. Die Wolken stauen sich an der Südseite. Als wir der Serengeti näher kommen, sehen wir ein völlig verändertes Landschaftsbild: Kahle Berge, ein paar Sträucher und Steppe. Die Sonne brennt jetzt. Vereinzelt beobachten wir noch Kuhherden der Masai. Die Berge verlieren sich, wir erreichen die endlose Steppe. Stundenlang fahren wir durch brettebene Savanne. Das Gras ist braun und dürre. Es ist Trockenzeit. Die riesigen Gnu- und Zebraherden halten sich jetzt in feuchteren Gebieten auf, wie den Amboseli National Park. Erst im Februar mit der Regenzeit ziehen einige hundertausend Tiere durch die Serengeti. Davon liest man ja nun vorher in keinem Reiseprospekt. Gegen 17 Uhr erreichen wir total eingestaubt die Seronera Lodge. Dieses zauberhafte Hotel ist um einen großen Inselberg gebaut, die Felsen sind in und um das Restaurant und die Lounge integriert.

Unweit unserer Unterkunft befindet sich das ehemalige Hauptlager von Grzimek, der von dort aus auch seinen Film „Serengeti darf nicht sterben“ drehte. Grzimek hat diesen Wildpark und ganz Ostafrika berühmt gemacht. Herr Delius ist darauf nicht allzu gut zu sprechen. Grzimek habe nur für die Tiere Interesse gehabt. Er wollte seinen Wildpark gründen. Da in einem Nationalpark keine Menschen wohnen dürfen, mußten alle Masai ihr Land verlassen.

Am Vormittag erkunden wir den letzten Zipfel der Serengeti Richtung Lobo Lodge. Überall ist es sehr trocken und heiß. Welch ein Anblick muß es sein, wenn zur Regenzeit die 500.000 Weißbart-Gnus und 300.000 Zebras durch die grüne, blühende Serengeti ziehen. Trotz der Trockenheit sehen wir noch viele Tiere: Zebras, Löwen, viele Impala-Herden, Giraffen, Hyänen, Wasserböcke und einen kleinen See, den „Hyppo-Pool“, voller Hyppos. Da dürfen wir sogar aus dem Fahrzeug steigen und die paar Schritte zum Hyppo-Badesee gehen. Auf dem Rückweg zur Seronera Lodge beobachten wir an einem Wasserlauf eine Zeitlang eine Löwenfamilie. Nach der Mittagspause in der Lodge fahren wir durch die Serengeti weiter zum Ndutu-See, an dem auch wieder ein Zeltcamp auf uns wartet. Hier ist noch wenig renoviert. Wir sind noch in Afrika. Die Unterkünfte sind einfach, aber mit Dusche und Toilette. Über den Betten hängen zusammengerollte Moskitonetze. Von dieser Lodge kann man im Februar beobachten, wie die Gnu- und Zebraherden durch den See und das Gelände der Lodge ziehen.

Die Attraktion diese Tages ist die Olduvai-Schlucht, in der Dr. Leakey und seine Frau 1,75 Millionen Jahr alte Schädelstücke eines Vorfahren der Menschen fanden, der bereits Werkzeuge herstellen konnte. Die Lava-Schicht auf dem Boden der Schlucht ist zwei Millionen Jahre alt. Darüber sieht man die Ablagerungen bis zur Neuzeit. Man wird nachdenklich, die Schlucht hinterläßt einen tiefen Eindruck. In einer der kleinen Museumshütten sind Fußabdrücke im ausgetrockneten Schlamm zu sehen. Vor über einer Million Jahren sind hier Menschen gegangen!

Vom oberen Rand der Schlucht erspähen wir tief unten zwei Masai-Frauen mit ihren Eseln, die die Schlucht hinauf steigen. Sie haben Wasser geholt und befinden sich auf dem Rückweg zu ihrer Boma. Herr Delius spricht mit den Frauen und eine gestattet uns, ihr zu Hause anzusehen. Mit einem Sprung sitzt die Frau neben Herrn Delius und in zehn Minuten erreichen wir die Boma. Sieben Hütten sind in einem Kreis angeordnet, der von einem Zaun aus stacheligen Ästen umgeben ist zum Schutz gegen wilde Tiere, die möglicherweise nachts das Vieh angreifen können. Ich bin etwas verunsichert und frage mich, ob ich da so einfach hineingehen soll. Ich schleiche dann den anderen hinterher in die Boma. Sieben Hütten bedeuten, dass sich der Hausherr sieben Frauen hielt. Trotz des für mich armseligen Aussehens handelt es sich um eine nicht gerade arme Familie. Die Hütten sehen aus wie Kommiß-Brote und sind aus Ästen, Holz und Wellblech geformt. Die Menschen leben wirklich mitten im Kuhmist. Das alles berührt mich sehr. Was haben wir doch für besondere Privilegien, die uns gestatten in ein so fremdartiges Land zu reisen?

Wir übernachten in der Ngorongoro Crater Lodge. Sie besteht aus dem Restaurant als Hauptbau und vielen verstreut am Hang liegenden Hütten, in denen die Touristen untergebracht sind. Unsere Hütte liegt etwas abseits, und man weiß nie, ob einem abends plötzlich der hauseigene Wasserbüffel begegnet.

Vormittags fahren wir für dreieinhalb Stunden mit einem Landrover und einheimischem Fahrer in den Krater, der mit 15-20 km Durchmesser der zweitgrößte Krater der Erde ist. Ganzjährig ist der Krater mit Wasser versorgt. An seinem Boden befinden sich mehrere kleine Seen. Der Ngorongoro-Crater gehört zu den berühmtesten Tierparadiesen der Erde. Es gibt zigtausend Gnus und Zebras in dem Krater, einige Nashörner, Geparde, Gazellen und Hyppos. Ein Querschnitt durch die ganze Tierwelt Ostafrikas. Mit dem Auto kann man hautnah an die Löwen heranfahren, die immer fettgefressen und müde herumliegen, so lange man sie nicht stört. Die Fahrer dürfen nur die gebahnten Wege benutzen und riskieren ein Fahrverbot, wenn sie anderes Gelände benutzen und erwischt werden. Eine Fahrzeugspur im Gras ist nach zwei Jahren noch aus dem Flugzeug zu erkennen. Erst danach hat sich das Gras wieder erholt. Zum Mittagessen sind wir wieder in der Crater-Lodge. Später fahren wir zurück nach Karatu und besuchen dort ein kleines afrikanisches Krankenhaus. Schwester Christine ist die einzige Ausländerin. Sonst läuft der Betrieb nur mit Einheimischen (auch Ärzten). Alles ist recht einfach, so dass das Haus ohne größere Betriebskosten gehalten werden kann. Bei jedem Kranken verbleibt ein Angehöriger zur Pflege. Er kocht und schläft neben dem Bett.

Von hier ist es nicht mehr weit zu Gibb’s Farm, einer privaten Kaffee-Plantage, die über etwa zehn Gästebetten verfügt, die den staatlichen Kaffee-Käufern aus Dar-es-Salaam als Unterkunft dienen oder auch an Touristen vermietet werden. Die Zimmer sind sehr komfortabel, die Bediensteten sehr zuvorkommend. Man trifft sich nachmittags zum Tee und zum Abendessen gehen alle Gäste gemeinsam. Später geht man ins Kaminzimmer. Alles ist sehr geschmackvoll eingerichtet. Um 19 Uhr wird der Generator abgeschaltet und die Kerzen kommen wieder zu Ehren. Uns umgibt ein Hauch der Kolonialzeit.

Am Morgen ist Gibb’s Farm von Wolken eingehüllt. Unser letzter Safaritag bricht an. Der Weg nach Arusha ist weit. Herr Delius bringt Wolfram und mich nach Machame ins gleichnamige Hotel, das von Einheimischen geführt wird. Diese Familie ist so reich, dass sie sich gar nicht mehr so sehr um das Hotel kümmern braucht. Wir wollen zwei Nächte in dem Hotel bleiben und uns dann langsam nach Marangu begeben. Am Abend ist im Hotel Tanz für die jungen Afrikaner. Wir bekommen gerade noch das Essen serviert und ziehen uns dann respektvoll auf unsere Zimmer zurück. Der Schallplattenspieler wird auf höchste Lautstärke gestellt und klingt entsetzlich verzerrt. Viele junge Burschen haben sich schon eingefunden und tanzen sich warm. Dann werden die Mädchen der Secondary School (die den Abend veranstalten) angekündigt und Jubel bricht los. Die Damen setzen sich auf die Stuhlreihen, die entlang den Wänden stehen. Man sieht auf den ersten Blick, dass unter den Damen und Burschen gelegentlich genauso Schüchterne sind wie bei uns. Mit einer Flasche Rotwein gehen wir auf unser Zimmer. Trotz allem ist es recht ruhig den ganzen Abend über. Erst gegen halb vier Uhr werde ich wach. Ungeheuerliches Geschnatter tönt von der Straße. Die Mädchen werden abgeholt, es müssen noch viele Abschiedsworte gewechselt werden. Mit den abfahrenden Autos wird es zunehmend ruhiger.

Machame liegt an der Südseite des Kilimanjaro-Massivs. Auch hier dehnt sich der Regenwald aus, das Land ist sehr fruchtbar. Das Frühstück im Hotel hat sich wegen der gestrigen Feier etwas verzögert. Wir setzen uns auf eine Bank vor das Hotel. Die Sonne wärmt uns. Plötzlich und unerwartet sehen wir die riesige Schneekuppe des Kilimanjaro hoch über den Bäumen in beinahe unerreichbarer Höhe mitten im Himmel.

Am nächsten Tag wird in der Kirche neben dem Hotel Gottesdienst gehalten. Wir wollen nur einen Blick hinein ergattern, aber die höflichen Chaggas bieten uns einen Sitzplatz gleich in der ersten Reihe an. So vermessen sind wir nicht und mogeln uns in das hintere Drittel zwischen die Afrikaner. Das ganze unbekümmerte, bunte Schauspiel mit Predigt, Gesängen und Spenden dauert eine Stunde.

Nach dem Lunch spazieren wir etwa viereinhalb Stunden zum Eingewöhnen durch Plantagen und Regenwald. Am Wegesrand gibt es überall kleine Kneipen, aus denen es laut und lustig schallt. Anfangs führt noch ein gebahnter Weg durch den Regenwald. Das Wetter ist gnädig und es tropft nur ein wenig. Als der Weg sich im Dickicht verliert, kehren wir um und laufen durch die Plantagen zurück. An einer Hütte werden wir von einem mit Alkohol beschwingten Familienvater begrüßt. Wir müssen Frau und Kinder fotographieren und dürfen weiter ziehen. Zurück im Machame-Hotel sitzen dann die Einheimischen in feucht-fröhlicher Stimmung. Es ist Sonntagnachmittag in Tansania, den nutzen die Chaggas für einen ausgedehnten Schoppen. Die Sippschaft des Hotelbesitzers tut dies ausgiebig mit Bier und Schnaps, so dass man mit gutem Recht behaupten kann, dass vor dem Abendessen das gesamte Personal Schlagseite hat.

Gegen 19 Uhr lockert die Bewölkung auf und erneut steht der schneebedeckte Gipfel des Kibo strahlend mitten im Himmel. Da wollen wir hinauf? Einen so hohen Berg habe ich noch nicht gesehen. Ob ich da je hinaufkommen werde? Es ist nur das leuchtende Schneefeld des Kibo zu sehen und ringsherum Himmel. Ist dieser Berg hoch!

Wir wollen mit dem Bus nach Marangu. Das ist gar nicht so einfach. Bis zur Kreuzung sind es mit allem Gepäck schon mal 500 m. Dort stellen wir uns zu den Wartenden. Die ersten vorüberfahrenden Minibusse sind voll besetzt. Natürlich können die Afrikaner schneller zu dem Bus spurten, der nicht direkt vor der Menschenmenge hält, als wir mit dem unhandlichen Gepäck. Nach einer Stunde Wartezeit sitzen wir wie die Ölsardinen in dem winzigen Bus. Es gibt 13 oder 14 Sitzplätze. Insgesamt sitzen, hängen und stehen 30 Leute im Innenraum. Dazu kommen noch der Fahrer und zwei Mann Personal zum Kassieren und Gepäckverladen. Koffer, Kisten und Körbe befinden sich auf dem Dach des Autos. Trotz allem erreichen wir mitsamt unserem Gepäck die Zwischenstation Moshi. Herr Delius hat uns von einem „Stammesrecht“ erzählt: Es kann ohne weiteres geschehen, dass ein Tourist an der Bushaltestelle bestohlen wird. Dann jedoch wenn er im Bus sitzt mit dem Gepäck auf dem Dach, ist er sicher. Er „gehört zum Stamm“ und es wird ihm nichts mehr geschehen.

Im Busbahnhof von Moshi lassen wir unser Gepäck nicht aus den Augen. Auf großen Schildern steht, wohin die Busse fahren. Schon nach 45 Minuten finden wir einen ebenso kleinen Bus, der uns wohlbehalten mit allem Gepäck nach Marangu bringt. Von der Bushaltestelle zum Kibo-Hotel müssen wir wieder 500 m gehen. Naßgeschwitzt und fertig stehen wir schließlich vor dem ersehnten, ehrwürdigen Hotel. Zimmer sind noch frei. Auch Führer und Träger sagt man uns für den übernächsten Tag zu. Wir sind sehr zufrieden. Obwohl es recht spät ist, erhalten wir ein schmackhaftes Mittagsmahl. Was will der Mensch mehr? Das Kibo-Hotel ist schon etwas älter, aber stilvoll eingerichtet, ein Haus mit Tradition. Das Essen ist sehr reichlich und äußerst schmackhaft. Dazu trinken wir den vorzüglichen Dodoma, einen Rotwein aus der gleichnamigen Stadt. Selbst später das vornehme, am Meer gelegene Bahari Beach Hotel kann diesen raren Rotwein nicht bieten.

Am Nachmittag spazieren wir die Asphaltstraße hinauf zum Marangu-Gate, dem Eingangstor zum Kilimanjaro National Park. An dieser Straße gibt es auch wieder viele Kneipen, aus denen es genauso lustig schallt wie Sonntagnachmittags. Beinahe jeder zweite männliche Einheimische kommt uns leicht beschwingt entgegen. Die Chaggas sind wohl ein recht fröhliches Völkchen, zumindest trinken sie gerne ein paar Bierchen und Schnäpse zu viel. Die Leute sind jedoch alle freundlich. Die Kinder laufen einem nicht nach und betteln nicht. Das bedeutet schon etwas in einem meist armen Land. Die Chaggas gehören auch zur Elite Tansanias.

Am Morgen haben wir vergeblich versucht, mit dem Bus nach Moshi zu fahren. Vor 8 Uhr fahren 3 Busse ab, die die Menschen zur Arbeit und zum Markt bringen. Eine Haltestelle befindet sich sogar direkt vor dem Kibo-Hotel. Wir stehen aber erst um 8:15 Uhr auf der Straße. Wir warten eine Stunde und kein Bus erscheint. Dann gehen wir zur Landstraße. An der Wegkreuzung warten mehr als eine Busladung Afrikaner. Wir reihen uns ein. Ein paar bereits überfüllte Busse fahren an uns vorüber. Schließlich kommt eine nahezu leerer Bus (der an der Haltestelle unseres Hotels vorüber fährt), stoppt aber 100 m von unserem Warteplatz entfernt. Die Afrikaner sprinten – ehe wir uns versehen – dorthin und hängen sich wie die Trauben an den Bus. Nach insgesamt 3 Stunden geben wir auf. Aber wenigstens haben wir gelernt, wie es in einer Woche an unserem Abreisetag möglich ist, einen Bus zu erreichen (nämlich direkt vor unserer Hoteltür).

Nach dem Mittagsessen im Kibo-Hotel wird das Wetter überraschend gut. Vom Dachgarten aus ist der Mawenzi recht klar zu sehen. Um 16 Uhr beginnt das große Packen. Wir erhalten Plastik- und Leinensäcke und dazu noch fehlende Ausrüstung (z.B. Skistöcke, die das Steigen erheblich erleichtern). Morgen früh um 9 Uhr soll Abmarsch sein mit einem Führer und 5 Trägern. Diesen Aufwand betreibt man für nur 2 Touristen.

Diese Zeilen schreibe ich nun schon auf der Marangu-Hütte, die 2727 m hoch liegt. Wie geplant starten wir um 9 Uhr vom Hotel. Wir gehen durch die Plantagen zum Marangu-Gate. Hier werden Eintrittsgelder und Übernachtungsgebühren entrichtet. In einem kleinen Laden kann man auch noch Verpflegung einkaufen. Zuerst einmal sind alle Träger und der Führer verschwunden. Es muß noch Fleisch eingekauft werden. Dabei halten die Afrikaner auch gerne noch ein ausgedehntes Schwätzchen. Nach eineinhalb Stunden sind Wolfram und ich am Gate. Eine halbe Stunde später sind auch unsere Afrikaner wieder da. Joseph, unser Führer, erledigt die Formalitäten und bezahlt. Gemeinsam treten wir dann den Weg durch den Regenwald an. Keine Wolke ist am Himmel. Manchmal durch ein Lücke im Regenwald sehen wir Kibo und Mawenzi. In weiteren drei Stunden einschließlich Mittagsrast erreichen wir bequem die Marangu-Hütte. Bei dem heutigen trockenen Wetter ist der Weg kaum schlammig. Mit zunehmender Höhe lichtet sich der Regenwald öfter und geht in „heideähnliche“ Landschaft über. Dann verschwindet man wieder in dichtem Urwald, in dem das Licht kaum zum Filmen ausreicht. Die Landschaft ist sehr behaglich, ein herrlicher Wandertag trotz der Hitze.

Von der alten Marangu-Hütte ist noch der Steinbau mit dem roten Dach zu sehen. Die alten Blechhütten sind abgerissen. Die Norweger haben bequeme Holzhütten mit je vier Matrazenlagern errichtet. Dazu eine große Aufenthaltshütte mit Tischen und Bänken. Die Hütten der Träger und Führer befinden sich in der anderen Lagerhälfte. Dort wird auch das Essen gekocht. Die Verpflegung ist den Umständen entsprechend vorzüglich. Tee gibt es so oft wir wollen, zum Frühstück Marmelade, Butter, Obst, Saft und zum Abendessen Suppe, Fleisch, Gemüse und als Dessert Obst oder Fruchtsalat und Kaffee.

Es ist kaum Betrieb in der Marangu-Hütte. Ein junges holländisches Paar, das als Lehrer in Mwanza arbeitet, kommt von der Horombo-Hütte zurück. Sie haben bereits in 3700 m Höhe aufgegeben. Aber sie nehmen es gelassen. Es hat eben nicht sein sollen. So schnell wollen wir nicht aufgeben. Von der Terrasse der Marangu-Hütte hat man einen schönen Blick über die Ebene. Keine Wolke befindet sich am Himmel, es ist prachtvoll. Unser Blick geht weit über Afrika. Ein wenig fühle ich mich schon über dieser Welt stehend auf dem Weg zum Himmel. Aber eine Ungewissheit bedrückt immer wieder das Herz: Wie weit werden wir hinauf kommen? Schaffen wir überhaupt den Gillman’s Point oder mit viel Glück auch noch den Uhuru-Peak?

Am späten Nachmittag gehen Wolfram und ich noch die 15 Minuten zum kleinen Maundi-Crater, der von prächtiger Landschaft umgeben ist. Der Mawanzi hat sich in Wolken gehüllt, der Kibo ist von hier nicht zu sehen.

Meine vergangene Nacht war sehr schlecht. Anscheinend habe ich nach der Ankunft gestern Mittag das kalte Cola zu schnell getrunken. Bis etwa halb drei Uhr in der Nacht drückten mich die Därme, dann bekam ich langsam Ruhe. Da macht man sich so allerhand Gedanken. Die ganzen anderthalb Wochen hatte ich keine Durchfallprobleme und gerade jetzt sollte das losgehen. Ich glaubte schon umdrehen zu mü,ssen. Aber allmählich beruhigten sich meine Innereien. Wir stehen um 7 Uhr auf und die Welt sieht schon wieder etwas besser aus. Joseph weckt uns mit einer Kanne Early Morning Tea. Eine Stunde später ziehen wir gemütlich los. Unter uns sehen wir über eine einziges Wolkenmeer. Dort liegt Afrika.

Die Wolken steigen mit uns im Verlauf des Tages höher. So glaube ich, ständig im Himmel spazieren zu gehen. Zuerst haben wir noch eine halbe Stunde Regenwald vor uns. Der Weg ist recht steil und stellenweise glitschig. Urplötzlich hört der Regenwald auf und wir stehen überrascht in einer Landschaft voll unendlicher Klarheit und Schönheit. Mawenzi und der Kibo mit seinen Schneefeldern sind greifbar nahe. Fünf Stunden benötigen wir bis zur Horombo-Hütte. Die Hütten sind im gleichen Stil wie die von Marangu errichtet, nur größer, da hier die vom Gipfel kommenden Bergsteiger noch einmal übernachten. Die Horombo-Hütte liegt so hoch wie in unseren Alpen die Ötztaler Wildspitze, meinem höchsten Gipfel bisher. Und in dieser Höhe wollen wir übernachten!

Uns sind schon etliche Leute während der Wanderung begegnet. Den Gillman’s Point haben sie alle geschafft, aber jeder sagt: So schnell nicht noch einmal! Oder: Nie wieder! Ich habe leichte Kopfschmerzen, die ich auf das harte Lager der vergangenen Nacht schiebe. Am Nachmittag spazieren wir hinauf zu dem Riesensenecienfeld. Die etwa 200 Jahre alten Senecien werden 4 – 5 m hoch. Diese Riesenpflanzen gibt es nur in Ostafrika.

Nach einer recht angenehmen Nacht haben wir uns endgültig entschlossen, zur Mawenzi-Tarn-Hut zu gehen. Bereits bei unserem Abmarsch um 9 Uhr ziehen die Wolken vom Tal herauf und hüllen uns ein. Es wird kalt. In 2 ½ Stunden erreichen wir den Kibo-Saddle. Die Träger haben vorher an der letzten Wasserstelle sämtliche Gefäße gefüllt. An der Mawenzi-Tarn-Hut gibt es zwar einen kleinen See, aber keine Quelle. Brennholz kann man noch in weitem Umkreis finden. Jedoch muß dann zur Kibo-Hut auch noch Holz mitgeschleppt werden. Am Saddle folgen wir dem Wegweiser nach rechts. Der Weg ist sandig mit kleinen und großen Felsen und führt nur wenig bergauf. Nachdem wir ein letztes Steilstück überwunden haben, sehen wir die Hütte etwas tiefer an einem See gelegen. Die Wellblechhütte hat 6 Betten, Matratzen aus Schaumstoff und einen kleinen Vorraum mit einem Tisch, zwei Bänken und einem verrosteten Ofen. Es liegt sogar ein Hüttenbuch aus, in dem wir nur alle zwei, drei Monate einmal eine Eintragung finden. Nebenan hat man eine kleine Blechhütte errichtet – gerade am Tag vorher – und es fehlen noch die Fenster. Dort übernachten unsere Afrikaner. Sie zünden darin auch ihr Feuer an. Ich habe einmal hineingeschaut, Zigaretten verteilt und es vor lauter beißendem Rauch nicht lange ausgehalten.

Wolfram erkundet noch ein wenig die Gegend. Ich habe keine große Lust, schleiche nur um die Hütte herum und gehe meinen Gedanken nach. Zur eigenen Überraschung bin ich heute ganz gut gelaufen. Die Bedenken kommen meist erst über Nacht, wenn man herum liegt und nicht schlafen kann. Man ist in einer solchen Hütte sein eigener Gefangener. Es gibt weder vor noch zurück während der Nacht, man muß aushalten bis es Tag wird. Da hilft einem nichts und niemand. Ich glaube, das Bergsteigen in solchen Höhen belastet die Psyche stark, besonders nachts wenn es keinen Ausweg gibt.

Die Wolken sausen um den Mawenzi. Nach unserer Ankunft geht ein kurzer Graupelschauer nieder. Wegen der allmählich einsetzenden Kälte kriechen wir früh in die Schlafsäcke. Die Kopfschmerzen sind leicht wie gestern. Aber heute helfen die Tabletten nicht mehr. Wenn die Nacht morgen sehr grausam wird, ist dies mein erster und letzter Fünftausender gewesen. Mit den endlosen Nächten habe ich nicht gerechnet.

Am Morgen scheint die Sonne, etwas Nebel weht herauf. Die Nacht war gar nicht so sehr kalt, aber geschlafen habe ich kaum. Zu Beginn müssen wir gleich wieder das steile Stück hinauf. Wir gehen sehr langsam und kommen trotzdem ins Keuchen. Als wir dann um eine Felswand herum kommen, sehen wir plötzlich die ganze Breitflanke des Kibo. Mit bloßem Auge läßt sich die Aufstiegsroute erkennen. Das muß doch zu schaffen sein! Aber ich ahne noch nicht, wie lange und beschwerlich der Weg bis dorthin noch sein wird. Fünf Stunden gehen wir bis zur Kibo-Hütte. Der Weg über den Saddle zieht sich endlos. Zur Markierung stehen ab und zu Steinmänner. Das letzte Stück zur Hütte zieht sich unheimlich hinauf, das schlaucht jeden. Warum muß ich auch unbedingt hier hinauf? Wenn ich zum Gillman’s Point komme, wird dies mein einziger Fünftausender bleiben. All die Nächte voller Ungewißheit. Ich weiß nicht, was ich alles denke. Ich kann auch kaum schlafen. Ich liege, denke und weiß manchmal noch nicht einmal was.

Am Nachmittag setze ich mich hinter die Hütte. Es ist windstill und die Sonne scheint. Ich kann es gut ohne Anorack aushalten. Der Kibo steht in voller Klarheit vor uns. Die Aufstiegroute läßt sich gut mit dem Fernglas beobachten. Die Wolken reichen vom Tal bis hoch zum Kibo-Saddle. Trotz unserem schweren Marsch sind wir noch bei den Ersten hier oben. Ein paar Holländer, Engländer und Deutsche kommen noch. Die Hütte ist kaum belegt. Jetzt wird bald die Sonne hinter dem Kibo verschwinden und vielleicht, wenn sie morgen wieder aufgeht und wir Glück haben, stehen wir in der Nähe von Gillman’s Point.

Wir haben Glück und stehen genau am Gillman’s Point, als die Sonne neben dem Mawenzi aufgeht!

Gestern Abend gab es unsere Henkersmahlzeit: Porridge mit Obst. Joseph sagte, das sei gut fürs Bergsteigen. Um halb sieben lagen wir schon wieder in den Schlafsäcken. Ich schlafe anfangs etwas, vielleicht bis neun Uhr, aber auch nur weil ich so todmüde bin. Danach liege ich wach: Vor Nervosität und der Höhe. Hoffentlich ist es bald ein Uhr, damit es endlich los geht! Mitten in der Nacht muß ich einmal vor die Hütte. Der Himmel ist sternenklar. Um ein Uhr nachts kommt Joseph mit einem Extremely Early Morning Tea. Es gibt ein paar Gebäckstücke. Mehr nimmt Joseph auch nicht mit: Zwei Thermosflaschen mit Tee und Gebäck und unsere Kameras. Kurz nach 1:30 Uhr brechen wir auf. Wie mit der Sonne verabredet sind wir zwischen 6:15 und 6:30 Uhr am Gillman’s Point. Während dem Aufstieg ist eisige Kälte. Meine Finger sind vor dem Erfrieren. Ich muß sie andauernd in den Handschuhen bewegen und kneten. Sogar kalte Fußzehen gibt es. Der Aufstieg in der Finsternis nimmt kein Ende. Zum ersten mal rasten wir in der Hans-Meyer-Höhle (dem Biwakplatz der Erstersteiger). Hier weiß man, etwa die Hälfte des Weges ist geschafft. Aber danach erst fangen die Serpentinen an. Der Geröllpfad ist in der Mitte noch zerstört, da die Bergsteiger beim Abstieg hindurch rutschen. So gehe ich oft einen Schritt vor und zwei zurück. Und das in einer Höhe weit über 5000 m. Ich hoffe, dass es langsam hell wird und wir oben sind. Aber es wird lange nicht hell und es bleibt eiskalt. Zuletzt schinden wir uns über Felsblöcke hinauf zum Gillman’s Point. Ich habe nicht mehr so sehr viel Kraft. Auf dem Weg nach der Hans-Meyer-Höhle ist uns schon klar geworden: Für den Uhuru-Peak wird unsere Kondition und Kraft wohl nicht ausreichen.

Endlich beginnt es zu dämmern! Den Sonnenaufgang am Point vergißt man nie. Die Farben ändern sich von Minute zu Minute. Die gewaltigen Eiskaskaden im Krater verfärben sich von rosa bis weißblau. Ich sitze nur da und schaue und staune. Das alles geht tief ins Herz, es rührt einem bis in den tiefsten Punkt.

Mit der Sonne erwärmen sich auch die Finger und Fußzehen. Ich bekomme leichte Schwindelgefühle. Die Höhe! Und mit der Kraft bin ich auch ziemlich am Ende. Der Abstieg wird zur Tortur. Wie ein Traumtänzer steige ich nach unten. Auf der Kibo-Hütte fallen wir auf die Matrazenlager. Ich war noch nie so fertig und habe gezittert wie bei Schüttelfrost. Eine gute Stunde können wir uns ausruhen. Ich war fix und fertig wie noch nie beim Bergsteigen. Von zwölf Uhr laufen wir dann noch drei Stunden hinunter zur Horombo-Hütte. Ein langer Tag! Ich bin dann auch so weit und sage: Nie wieder ein so hoher Berg! Vor diesem Berg muss man Respekt haben und auch vor den Leuten, die ihn besteigen.

Von Horombo nach Marangu gehen wir gute fünf Stunden. Mittagsrast legen wir auf der Marangu-Hütte ein. Es gibt sogar Bier, aber ich ziehe den gewohnten Tee vor. Warme Getränke sind besser für Magen und Därme. Wir sind bald im Kibo-Hotel. Jetzt ist es schon nicht mehr so schlimm mit: Nie wieder ein so hoher Berg. Allmählich fühle ich mich schon etwas stolz. Das spüre ich besonders beim letzten Wegstück zum Marangu-Gate. Die Leute stehen unten, bereit zum Abmarsch hinauf und ich sehe die gleiche Ungewißheit in den Gesichtern der Neuen wie bei uns. Ist dieser Anstieg zu schaffen? In dem ausliegenden Buch am Gate hat auch nur jeder Zehnte den Uhuru Peak geschafft, wenn überhaupt.

Ruhetag. Wir sitzen in der Sonne im Garten des Hotels und warten auf das Mittagessen. Es gelingt uns nicht, in Dar-es-Salaam ein Zimmer vorzubestellen. Der Flug in die Hauptstadt wird auch von 13 Uhr auf 19:15 Uhr verschoben. Für die nächste Nacht wird uns in Moshi ein Zimmer im YMCA reserviert und wir sind damit zumindest einen Schritt weiter. Abends sitzen wir im Kibo-Hotel bei Dodoma-Rose und trinken auf unsere Bergtour.

Wie geplant sind wir vor 8 Uhr mit dem Bus direkt vor unserem Hotel nach Moshi abgefahren. Etwa eine gute Stunde später erreichen wir Moshi und sitzen gar nicht einmal so eng gedrängt im Bus. Die Zimmer im YMCA sind recht einfach. Dusche und Toilette gibt es auf der Etage. Wir unternehmen später einen ausgedehnten Spaziergang durch Moshi. Hinter dem Uhrplatz beginnen weitläufig die Verkaufsstraßen. Wir gehen auch durch die neu errichtete, sehr hygienische Markthalle. Es ist sehr warm, wie selten während den vergangenen Tagen. Wir essen im Dachgartenrestaurant des KNCU-Gebäudes. Wir haben trotz gelegentlicher Wolken Ausblick auf die schneebedeckte Krone des Kibo.

Ein langer Tag wird uns bevorstehen. Mit dem Taxifahrer Gabriel wird Wolfram nach harten Verhandlungen einig, dass er uns durch den Wildpark zur Momella-Lodge fährt und danach zum Flughafen. Etwa um 10:45 erreichen wir den Eingang zum Arusha-National-Park. Er gehört mit seinen Seen und Bergen zu den schönsten Reservaten in Tansania. Tiere jedoch sind nicht so viele zu sehen. Nachteilig ist auch die niedrige Sitzposition in unserem Peugeot Combi. Wir sehen zwei Elefanten, Giraffen, Wasserbüffel und ein paar Warzenschweine, die immer auf der Flucht sind. Die meisten Tiere verschwinden auch sofort, da das Auto sehr viel Lärm verbreitet und der Fahrer sich mit wenig Geschick nähert. Wir haben prächtige Blicke auf den Mount Meru. Der bezauberndste Blick bietet sich uns jedoch von Trappe’s View zu den Momella-Seen.

Zum Lunch fahren wir zur Momella-Lodge. Um etwa 17:30 Uhr erreichen wir sehr eingestaubt den Flugplatz. Eine Boeing 737 bringt uns pünktlich in 50 Minuten nach Dar-es-Salaam. Dort lassen wir uns zwischen eine französische Reisegruppe verfrachten und gelangen so (der Fahrer hat einen Zuverdienst gewittert) doch noch zu einem Hotel, dem Bahari Beach. Dort erhalten wir sogar noch gegen 22 Uhr ein sehr vorzügliches Dinner.

Das Bahari Beach Hotel war leider im letzten Jahr teilweise abgebrannt. Dabei auch das Restaurant, von dem nur noch die Dachkonstruktion steht. Die frühere Bar und Diskothek dient nun als Ersatz und an den zerstörten Bungalows wird wieder gebaut. Man gewährt uns an der Reception die Gnade einer weiteren Nacht. Dazu gelingt es uns, den Rückflug am nächsten Montag zu bestätigen. Wir sind zufrieden und legen uns an den Sandstrand des Indischen Ozeans. Das Wasser ist sehr warm, die Brandung angenehm. Ein paar Dhows durchstreifen des Meer zwischen Strand und Riff.

Nach vielen vergeblichen Verhandlungen finden wir für morgen Abend ein Zimmer im Africana Hotel. Eine rechtzeitige Fahrt vom Hotel zum Airport ließe sich auch arrangieren, teilt man uns telefonisch mit. So dürfen wir noch eine Nacht im gepflegten Bahari Beach Hotel verbringen. Schon um 7:30 Uhr fahren wir mit dem Shuttle Bus zum Africana Hotel. Das Hotel ist einfach, der Strand ungepflegt, die Bungalows klein und renovierbedürftig. Aber immerhin sind wir untergebracht. Am Nachmittag bemühen wir uns noch zweimal vergeblich, mit dem State Travel Service nach Dar-es-Salaam zu belangen. Abends bestellen wir uns im Hotel ein Taxi für 4 Uhr am nächsten Morgen. In der Nacht weckt uns zum eigenen Erstaunen die innere Uhr etwas früher. Wir begeben uns zur Reception. Dort geschieht das grösste Afrika-Wunder der letzten drei Wochen: Der Taxifahrer wartet seit zehn Minuten. Wir müssen ihn beschämt bitten, noch etwas zu warten, damit wir einen Tee trinken können. Dann ereignen sich Wunder am laufenden Band. Es gibt Tee, Toast und Fried Eggs oder Omelett, wie man es wünscht. Und das nachts um 4 Uhr! Wir erreichen den Flugplatz in Dar-es-Salaam wie geplant. Die DC 8 der KLM ist kaum verspätet. Später bei Arusha fliegen wir sogar noch einen großen Bogen um das gut sichtbare Kilimanjaro-Massiv.